»Spilt milk«

Olaf Martens (geb. 1963)
»Spilt milk«, aus dem Leibniz-Zyklus Leipzig und Projekt Energiefabrik Knappenrode, 2015, 2019, Schnitt /// Cut: Simon Raschke, Sound: HeXer feat. DZA – K.I.K.I. (Metropolis Ep – Exklusive), Besitz des Künstlers /// The artists property, Leipzig

In dieser jüngsten Arbeit von Olaf Martens werden einzelne Fotografien und Bildsequenzen aus seinem Leibniz-Zyklus anlässlich des Leibniz-Jubiläums in Leipzig und aus dem Projekt »11111100000 | lost … faces | delete # complete« zum Thema Zukunft der Arbeit desselben Jahres in Knappenrode zu einem Video vereint und mit Musik untersetzt. Schnelle Fotografiefolgen wechseln mit langsamen Einstellungen ab. Die dadurch entwickelte Dynamik der Bilder entspricht hierbei den visualisierten Ereignissen.

Die von Ruhe aber auch einer extremen Kühle getragenen Fotografien von schwarz kostümierten, gleichgroßen und mit kahlköpfigen Masken versehenden Wesen in einem Bürogebäude unterbrechen die zum Video vereinten Bilder verschiedener Interaktionen. Fast spiegelbildlich gruppieren sich auf einem Standbild die seltsamen Wesen im Spalier am Konferenztisch. Dem Betrachter den Rücken zugewandt scheinen sie auf etwas außerhalb des Raumes zu schauen. Was es ist, bleibt aber ebenso rätselhaft wie die erstarrte Szenerie selbst. Auf einem anderen Standbild mit ebenfalls schwarz gekleideten Wesen kommen diese dem Betrachter entgegen, allerdings ohne Blickkontakt oder erkennbarem Ziel. Olaf Martens Armee aus scheinbar perfekten Roboter-Menschen geistert hier durch eine künstliche Welt, in der jegliche Natürlichkeit abhandengekommen ist. Schon in Teilen unsere heutige digitalisierte Welt, welche Leibniz mit dem dualen System I/0 vorweggenommen hat, lässt sich laut Martens der Unterschied zwischen Mensch und Maschine, Gesicht und Maske kaum noch identifizieren.

Solcherart Mensch-Maschinen bevölkern auch die aus dem Projekt »11111100000 | lost … faces | delete # complete« stammenden Bildsequenzen. Sie wurden in der Waschkaue der 1993 stillgelegten Brikettfabrik Knappenrode mit regionalen Akteurinnen realisiert. In dieser Inszenierung hinterfragt der Künstler unsere Wertvorstellungen von Arbeit und mit welchen Konsequenzen diese verbunden sind. Durch die Gestaltung der »Robots«, wie Martens seine kostümierten und maskierten Figuren bezeichnet, versucht er visuell darüber zu spekulieren, wohin die Abwesenheit von Geburt und Tod uns Menschen führt, und ob für uns etwas Neues erkennbar werden könnte, wenn androide Wesen existieren, die nicht mehr in der Lage sind, das Zeitliche zu segnen.

Das Fotoshooting in Knappenrode ist Teil von Martens zwischen 2014 und 2017 verwirklichtem Projekt »Dystopia – Spilt Milk«, welches generell das Nachdenken über die Austauschbarkeit versus Einzigartigkeit von Individuen in den Focus rückte.

Diese Thematik wird schließlich auch in den Bildsequenzen des Leibniz-Projekts »Nicht Mensch / Nicht Traum« aufgegriffen und weiterentwickelt. Als Schauplatz nutze Olaf Martens neben der Gipsabgusssammlung, woher auch die hier in der Ausstellung präsentierte Fotografie stammt, unter anderem das Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung und das Institut für Oberflächenmodifizierung. Inmitten dieser technisch hochspezialisierten Forschungsinstitute tauchen nun cyborgartige Figuren in barocken Kleidern auf. »Wie aus der Zukunft gefallene Unmenschen versuchen die »Robots« mit Leibnizschen Requisiten der Welterkennung: Erdkugel, Mineralien, Brief, Register und Wunderkammer die ‚Beste aller Welten’ zu verstehen. Den Geisterwesen ist abhandengekommen, was den echten Menschen einst auszeichnete: Kreatürlichkeit und Sterblichkeit. Sie suchen wie im Spiel nach etwas Verlorenem. Und können es, als bewegten Sie sich in einem Paralleluniversum, nie mehr finden.« (Sabine Reinhard – Martens)

Die unter enormen Aufwand gestalteten Räume, Bühnen und Kostüme sind hingegen alle analog existent. Sogar die Masken sind durch Abformungen individuell auf jede beteiligte Person zugeschnitten. Die Bevölkerung scheinbar perfekter uniformer Roboter-Menschen bleibt somit vorerst eine künstlerische Simulation.

Text: Dr. Barbara Röhner