Selbstbildnis im Walzwerk

Selbstbildnis im Eisenwalzwerk, 1872

Adolf von Menzel (1815 – 1905)
»Selbstbildnis im Walzwerk /// Self-portrait at the steel-mill«,
1872, Gouache, 163 x 12,8 cm, MdbK Leipzig,
Inv.-Nr. 1972-5. Erworben als Geschenk von Heinz Senger, Neubrandenburg

Nachdem Carl Blechen mit dem Gemälde »Walzwerk Neustadt-Eberswalde« (um 1830; Berlin, Nationalgalerie) ohne Auftrag eine der ersten deutschen Industrielandschaften geschaffen hatte, ist Menzels 1875 vollendetes Gemälde »Eisenwalzwerk« ein Höhepunkt bei der Schilderung einer modernen industriellen Produktionsstätte der Gründerzeit. Anstoß zur Beschäftigung mit dem Industriemotiv gab 1869 der Auftrag zum Jubiläumsblatt für das 50jährige Bestehen der Heckmannschen Metallfabrik im Berlin. Um die Arbeit in einem Walzwerk vor Ort persönlich ganz direkt zu erleben und genau studieren zu können, reiste Menzel 1872 nach Königshütte im oberschlesischen Industrierevier. Als Zentrum des Steinkohleabbaus und der Schwerindustrie war es damals das zweitgrößte Schwerindustriegebiet des Deutschen Reiches nach dem Ruhrgebiet. Die Königshütte (heute: Chozów) in der Nähe von Kattowitz (heute: Kattowice) wurde 1791 als preußisches Staatsunternehmen gegründet und war eines der ersten mit Dampfkraft betriebenen Hüttenwerke Europas.

Dieses kleinformatige Blatt steht am Beginn von Menzels über 150 Studienzeichnungen, mit denen das großformatige Gemälde vorbereitet wurde. Sie geben insgesamt einen außergewöhnlich authentischen Einblick in die verschiedenen Produktionsprozesse, in technische Details aber auch in soziale Verhältnisse und schwere Arbeitsbedingungen. Hier konzentrierte er sich zunächst auf die Einzelfigur eines Arbeiters. Seine körperliche Erscheinung und Haltung sind ganz von der momentanen Arbeitsaktion bestimmt und sie wird durch die Lichtführung in die raucherfüllte, von starkem Hell-Dunkel und braun-schwarzer Farbigkeit bestimmte Raumsituation eingebunden. Obwohl der Künstler das Sujet weder dramatisiert noch übersteigert hat, ist diese Studie dennoch keine reine Schilderung einer Arbeitssituation, sondern sie gewinnt durch die Einbeziehung eines Selbstbildnisses des vor Ort schauenden und zeichnenden Künstlers einen suggestiven dokumentarischen Charakter.

Die Gouache charakterisiert Menzels grundlegende Einstellung zur Wirklichkeit und seine künstlerische Methode, die dann in dem Hauptwerk »Eisenwalzwerk« ihren Höhepunkt fand. Dem Bild gab Menzel den Untertitel »Moderne Cyclopen«. Er schildert die Arbeiter respektvoll, ohne Sentimentalität, empfand das Schöpferische ihrer Tätigkeit und ihr Selbstbewusstsein. Wie sie mit der Technik umgehen, wie sie eingebunden sind und bestimmt werden vom Rhythmus der Maschinen und den kapitalistischen Arbeitsbedingungen, das in jeder Einzelheit genau beobachtete Zusammenspiel aller Vorgänge, das Charakteristische dieser Arbeitswelt und dieses Arbeitsalltages gibt er in sachlich-nüchterner Weise wieder. Es ist keine Versinnbildlichung unbegrenzter Möglichkeiten moderner Technik und Fortschrittsgläubigkeit der Epoche, aber auch keine vordergründige Anklage der elenden sozialen Situation des Proletariats. Durch seine sachlich-anteilnehmende Sicht auf die Bedingungen moderner Industrieproduktion und die sinnlich überzeugende Kraft seiner Gestaltung gelang es Menzel, diese neue Realität der industriellen Umwälzung und der Lebens und Arbeitssituation der neuentstandenen Klasse des Proletariats überzeugend spür- und sichtbar zu machen.

Text: Dr. Dietulf Sander