Schüchterne Maschine

Hannes Waldschütz »Schüchterne Maschine /// Shy machine«, 2007

Hannes Waldschütz (geb. 1984)
»Schüchterne Maschine /// Shy machine«, 2007,
Elektronik, Messing, Zeichnung von Annalena Kasperek
/// Electronics, brass, drawing by Annalena Kasperek,
14 x 5 x 7 cm, Besitz des Künstlers
/// The artists property, Leipzig

In den künstlerischen Arbeiten von Hannes Waldschütz spielt das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine eine besondere Rolle. Maschinen, die auf Erfindungen und Konstruktionen ganzer Generationen von Technikern, Intellektuellen und Wissenschaftlern beruhen, haben gemeinhin einen praktischen Zweck zu erfüllen. Sie sollen nützlich sein, können aber auch Anderen Schaden zufügen – am deutlichsten erkennbar in der Militärtechnik, die wiederum als Ursprung vieler wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften gilt. (James Bridle)

Hannes Waldschütz` Maschinen dienen keinem rein praktischen Zweck, ja sind durch ihre Aktionen im utilitaristischen Sinne unnütz. Dennoch greift er in seinen Arbeiten einen Aspekt auf, den alle Maschinen gemein haben. Denn neben ihrem meist praktischen Gebrauch zeichnen sie sich auch durch ihre Bedeutungsfunktion in einem gesellschaftlichen Gefüge aus. Sie dienen jederzeit auch als »Repräsentanten übergeordneter Systeme und Strukturen.« (Waldschütz)

Diese offen zu legen und sie einer ästhetischen Betrachtung zu überführen, ermöglicht wiederum eine Reflexion über das gewöhnliche ZweckNutzenVerhältnis zwischen Mensch und Maschine hinaus.

Die »Schüchterne Maschine« gehört zu den Werken von Hannes Waldschütz, die sich einer direkten Betrachtung entziehen. Nähert man sich diesen, so verändern sie entweder ihre Gestalt oder drehen sich, wie die »Schüchterne Maschine«, um.

»Diese Maschine, bestehend aus Steuerelektronik, Sensoren und Motor reagiert erschreckt auf die Anwesenheit eines Anderen und dreht dabei die von ihr gezeigte Zeichnung schnell vom störenden Betrachter weg. Wird sie für etwa ein bis zwei Minuten allein gelassen, d.h. befindet sich für diese Zeit kein Mensch im Umfeld von mindestens 5 Metern um sie herum, beginnt sie langsam die Zeichnung zurück zu drehen, bis diese wieder vollständig zu sehen ist.« (Waldschütz)

Zustandszuschreibungen wie »schüchtern« oder »erschreckt« auf eine Maschine spielen zugleich mit Übertragungen menschlicher Charaktere auf künstliche Gegenstände, obgleich die Abwendung und das langsame Zurückdrehen der Zeichnung in Abwesenheit des Beobachters, lediglich Folgen der elektronisch gesteuerten Abläufe sind.

Dennoch weckt diese künstliche Bewegung ein Begehren. Die Neugier auf die verborgene Zeichnung wächst mit der Anzahl fehlgeschlagener Versuche, die Zeichnung sehen zu können. Unvermittelt ertappt sich der Besucher beim Versuch die Maschine austricksen zu wollen. Das Wechselspiel von Emotionen und elektronischen Steuerungen beginnt, eine Kommunikation, die auf andere Besucher überspringt. Hatte die Moderne die Beherrschbarkeit der Natur im Fokus, drängt sich heute die Frage nach der Kontrollierbarkeit elektronisch gesteuerter Abläufe, künstlicher Intelligenzen und deren Nutzen für menschliche Optimierungsbestrebungen auf.

Text: Dr. Barbara Röhner

Literaturnachweis:
HalfLife: Hannes Waldschütz, in: Maschinen/Organismen Künstlerische Positionen in Zeiten von Klimawandel und Artensterben, hrsg. v. Käthe Wenzel, Manfred Blohm, 2018, S. 5052
James Bridle: New Dark Age. Technology and the End of the Future, London 2018

Hannes Waldschütz (geb. 1984)
»Maschine, die auf Gott wartet /// Machine that waits for god«, 2007,
Elektronik, Software, Glas /// Electronics, software, glass,
15 x 18 x 18 cm, Besitz des Künstlers, Leipzig
/// The artists property, Leipzig