Schichtwechsel im Tagebau Espenhain

»Schichtwechsel im Tagebau Espenhain«, 1975/76

Wolfram Ebersbach (geb. 1943)
»Schichtwechsel im Tagebau Espenhain
/// Change of shifts at the opencast mine Espenhain«,
1975/76, Öl auf Spanplatte /// Oil on chipboard,
97,9 x 148,1 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. G 2640. Erworben 1980 durch Übereignung
des Rates des Bezirkes Leipzig

Heute ist Wolfram Ebersbach vor allem für seine mit tiefem Schwarz kontrastierenden Darstellungen von Architekturfragmenten bekannt. Dass es von ihm auch figürliche Malerei und Grafik von zarter Tonalität gibt, ist nur den wenigsten geläufig. Diese kennzeichnen vor allem sein Frühwerk, wozu auch das Ölgemälde »Schichtwechsel im Tagebau« gehört. Hier widmete er sich insbesondere der von Menschen geformten und geprägten Landschaft sowie dem Arbeits- und Lebensraum einer Generation, die im hohen Maße verändernde Spuren hinterließ.

Die extremen Weiten der Braunkohle-Tagebaulandschaft im Südraum Leipzig lernte er insbesondere durch die Zugfahrten zu seinem Studienort kennen. Doch erst 1971, im Jahr seines Diploms, begann er sich künstlerisch intensiver dieser kargen Landschaft anzunähern, das große Gemälde »Tagebau« entstand. Nach seinem Studium arbeitete er selbst in einer Gleisbaubrigade im Braunkohlerevier Espenheim, um den spezifischen Charakter dieser Arbeit und insbesondere die Menschen vor Ort näher kennen und begreifen zu lernen. »Mich interessiert eine Kraft im Menschen, die ihn auch in schwierigen Situationen seinen Mut und Optimismus nicht verlieren lässt«, betonte Ebersbach einst in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Anneliese Hübscher. »Er macht weiter und versucht ‚trotz alledem’ das Beste daraus zu machen. Abraumlandschaften werden neu kultiviert und neu erschlossen.« (Hübscher, S. 8)

In dieser Zeit fertigte Ebersbach viele Zeichnungen, Aquarelle und kleinere Bilder an und im Auftrag des Rates des Bezirkes Leipzig vollendete er das hier zu sehende großformatige Bild »Schichtwechsel im Tagebau Espenhain« 1976. Dieses für die VIII. Kunstausstellung der DDR vorgesehene Werk wurde von den Kulturfunktionären jedoch abgelehnt. Die Gründe lagen hierfür in der ungeschönten Darstellung der staubigen wüstenartigen Landschaft, welche sich bis zum Horizont erstreckt. 

Das Bild »Schichtwechsel im Tagebaubau« zeigt eine auf den Betrachter zugehende Arbeiterbrigade im gleißenden Morgenlicht. Über die Schultern hängende Jacken weisen womöglich auf die kalte Nachtschicht hin, abgelöst durch einen warmen Sonnentag. Dennoch erscheinen die Arbeiter nicht abgekämpft. Ganz im Gegenteil – fröhliche und zufriedene Gesichter sind durch Licht und Schatten angedeutet. Einer mag die Ereignisse der beendeten Schicht erläutern, andere laufen aufmerksam und entspannt nebenher. Durch die staubig erdigen Arbeitsschuhe wird sogar der Eindruck des Schwebens erweckt. Ohne Hast sind hier Menschen in Bewegung, so wie im Hintergrund das große Förderband niemals zum Stillstand kommt. Das Dreischichtsystem garantiert einen permanenten Kohleabbau und mit Hilfe gigantischer Maschinen und automatisierter Arbeitsabläufe wird die Arbeit der Menschen erleichtert. Dabei fressen sich riesige Schaufelradbagger fortwährend durch Wälder, Wiesen und Felder. Selbst ganze Ortschaften verschwinden. Übrig bleibt eine karge und verwüstete Landschaft.

Gleichwohl faszinierte Ebersbach ebenso die Renaturierung solcherart aufgebrochenen Landschaften. Der 1973 als Naherholungsgebiet eröffnete Kulkwitzer See, nahe Leipzigs lieferte schließlich ein gutes Bespiel gelungener Tagebaunachnutzung.

Große weitere Horizonte, ob natürlich oder künstlich, tauchten immer wieder im Frühwerk des Künstlers auf. Nur weit entfernte Kühltürme und Schornsteine durchbrechen hier im Bild »Schichtwechsel im Tagebau Espenhain« kaum sichtbar die Horizontlinie. Der Übergang vom Tagebau zum Himmel ist im rechten Bildhintergrund allein durch den fließenden Übergang von zarten Rosa zu Blautönen zu erahnen. War der künstlerische Einfluss Wolfgang Mattheuers in der 1971 entstandenen Tagebaulandschaft farblich wie formal noch spürbar (W. Ebersbach. Tagebau, 1971, Leipzig, Museum der bildenden Künste), so erinnern hier die reduzierten Farbtöne und der kompositorische Aufbau eher an Stillleben des Bologneser Künstlers Giorgio Morandi. Die Übertragung dieser Stillleben auf Figuren im Raum war laut Ebersbach ein Experiment, wie auch die Versiegelung des Bildes, um eine matte Oberfläche zu erhalten. Durch versierte Licht- und Schattensetzungen gelang es ihm, trotz wüster Umwelt eine poetische Stimmung zu transportieren. Das Gefühlsmäßige, das Erlebnis der Landschaft und der in ihr wirkenden Menschen konnten somit auf den Betrachter übergehen. Doch bleibt die Frage nach den Folgen menschlicher Optimierungsstrategien.

Für lange Zeit verschwand das unter Kunstkennern geschätzte Bild im Depot des Museums für bildende Künste. Gegen die Unterbringung des Gemäldes im VEB Braunkohlekombinat Espenhain sprachen die katastrophalen Umweltbedingungen. Nur zweimal wurde das seit 1980 im Besitz des Museums befindliche Gemälde gezeigt. Umso notwendiger erscheint seine Präsentation nun im Rahmen dieser Ausstellung und mag bei genauerer Betrachtung in seiner Doppelbödigkeit überraschen. 

Text: Dr. Barbara Röhner

Literaturnachweis:
Anneliese Hübscher: Wolfram Ebersbach, in: Fünf junge Künstler, Galerie am Sachsenplatz, Leipzig 1978, S. 8-9