Präventivschlag, unbemannt

Jannine Koch - Präventivschlag, unbemannt

Jannine Koch (geb. 1981)
»Präventivschlag, unbemannt /// Preemptive strike«, 2014,
Mischtechnik auf Leinwand /// Mixed technique on canvas
Besitz der Künstlerin, Düsseldorf
/// The artists property, Düsseldorf

»Bereits seit meinem Studium weisen meine Arbeiten auf Leinwand einen starken Bezug zum tagespolitischen und gesellschaftlichen Geschehen auf. Die großen Zusammenhänge und Veränderungen der letzten Jahre wie z. B. die zunehmende Digitalisierung und Überwachung, aber auch militärische Auseinandersetzungen sowie die Folgen von Globalisierung beschäftigen mich sehr und sind Motor fast aller Bilder.« (J. Koch) Das ausgestellte Werk »Präventivschlag, unbemannt« (2014), aber auch Titel wie «Anonymous killing« (2017) oder «laws and targets« (2019) weisen den Krieg als ein zentrales Thema von Jannine Koch aus. Damit stehen diese Arbeiten in einer reichen bildkünstlerischen Traditionslinie neben Werken u.a. von Jacques Callot, Francisco de Goya, Otto Dix, George Grosz, Bernhard Heisig oder – ebenfalls in dieser Ausstellung – Gerhard Kurt Müller. Einerseits ist ihr Erscheinungsbild diesen gegenüber völlig andersartig, andererseits aber dem heutigen Betrachter bereits erschreckend vertraut. Sie gleichen jenen Momentaufnahmen der modernen Kriegsführung, die uns immer häufiger über die Medien vor allem aus dem Nahen Osten übermittelt werden.

Die Begriffe »Präventivschlag« und »unbemannt« sind in Hinblick auf das visualisierte Geschehen bedeutungsvoll. Erlaubt das Völkerrecht nur den Verteidigungskrieg, so bezeichnet »Präventivschlag« jenen militärischen Angriff, mit dem einem angeblichen oder tatsächlich drohenden Angriff eines Gegners zuvorgekommen werden soll. Die Abgrenzung von defensivem Erstschlag und direktem Angriffskrieg ist schwer und historisch an zahlreichen Ereignissen als oftmals vorgeschoben belegbar. »Unbemannt« benennt eindeutig den Drohnenkrieg. »In meinen Malereien bildet die Beschäftigung mit technoider Kriegsführung einen Schwerpunkt, wobei ich – inspiriert durch Satellitenbilder – meist den Blick von oben einnehme. Diffuse, nebulöse Strukturen treffen auf Codes, Raster und Schrift und erzeugen das Gefühl eines außer Kontrolle geratenen Zustandes.« Die Displayanzeige, welche die Steuerung der Drohne zum Einsatzort in technischer Präzision anzeigt, liegt wie ein bedrohliches Raster über der bereits zerstörten Landschaft.

Mit seinen völlig neuartigen Waffensystemen (Flugzeuge, Panzer, U-Boote, Giftgas etc.), mit denen nunmehr brutaler und zugleich aus der Distanz heraus die Kämpfe geführt werden konnten, war der Erste Weltkrieg (1914 – 1918) der erste industrialisierte ‚moderne‘ Krieg. Noch weiter perfektioniert im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945), ist es heute möglich, aus größter Entfernung geradezu anonym Tod und Zerstörung über ein beliebiges Gebiet auf der Welt zu bringen. Der Betrachter dieser Medienbilder und der Befehlsgeber bzw. der Ausführende des Angriffs sind vom Zielort so weit entfernt, dass das Geschehen fast nur ‚versachlicht‘ empfunden wird. Wirkt es nicht so, als säße man lediglich Krieg spielend am PC? Man sieht vage Schemen, eine Explosion, Staubwirbel verhüllen jegliche Sicht – alles geräuschlos, kein qualvolles Sterben: Töten light gemacht. »Dass all diese Veränderungen für uns immer weniger greifbar und in hohem Maße fremdvermittelt sind, versuche ich in meinen Malereien formal umzusetzen und zu reflektieren. Leitmotivisch tauchen Pixel und Sprühfarbe auf, aber auch Schrift und Codes, Zahlen oder Raster finden Eingang in meine Bilder und fungieren als Metaphern einer von Technik bestimmten und kontrollierten Welt. Mich treibt der Wunsch an, Chiffren und Symbole für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden, in welcher sich unverrückbar geglaubte Werte und Vorstellungen verändern, auflösen oder für immer zerstört werden. Durch die Rückführung eines digitalen Bildes in die analoge Form der Malerei halte ich es an und werde die dargestellte Sache gewahr.« Mit seiner displayartig glatten Oberfläche bietet sich das Gemälde genauso wie die medialen Bilder dar. Durch sicht- und spürbare Farbverläufe, pastose Farbreste und einige collagierte Papierfetzen gewinnt die Darstellung haptische Qualitäten hinzu, wird alles ‚greifbarer‘. Unter den Farbspuren ahnt man gelegentlich Spuren zuvor vorhandener Worte oder Buchstaben. Handschriftlich eingefügte Formeln »Das Gefängnis der Worte« oder »SEELE« wirken inmitten der Präzision der digitalen Buchstaben und Zahlen fragil, setzen emotionalisierende Akzente, da sie wie nachträglich über das dargestellte Grauen eingefügt erscheinen.

»Präventivschlag, unbemannt« bildete 2014 den Auftakt zu einer umfassenden Serie zum Thema Drohnenkrieg. Dass sich diese Thematik zu einem Schwerpunkt innerhalb meines Werkes entwickeln würde, war jedoch nicht geplant und ein festgelegtes Konzept hierzu gibt es bis heute nicht. Die Bilder drängen sich mir vielmehr auf und spiegeln mein grundlegendes Bedürfnis wider, die Schreckgespenster einer digitalen Welt sichtbar zu machen. Das Thema Krieg hingegen beschäftigt mich bereits seit meiner Jugend und auch in meiner Diplomarbeit zum Thema Holocaust habe ich mich ausführlich damit auseinandergesetzt. Dabei sah ich mich immer wieder mit demselben Problem konfrontiert: Wie bilde ich etwas ab, das nicht gezeigt werden kann oder darf? Aus dieser Fragestellung heraus hat sich meine Malerei entwickelt.

Im Kontext der Ausstellung im Museum der bildenden Künste verweist meine Arbeit auf das Paradoxon der menschlichen Optimierung.« (J. Koch) Es ist ausschließlich der Mensch selbst, der die als segensreich gepriesene Technik hier mit unnachgiebiger Genauigkeit und Härte gegen den Menschen und damit das Menschliche selbst wendet.

Text: Dr. Dietulf Sander

www.jannine-koch.de