Prägung

Marie-Eve Levasseur »Prägung (modification profonde)«, 2018/19

Marie-Eve Levasseur (geb. 1985)
»Prägung (modification profonde)«, 2018/19,
Installation, Porzellan, Stahl, LED-Beleuchtung, Stoff, 3 Stühle, Tuch
/// porcelain, steel, LED lighting, variable dimension,
Besitz der Künstlerin /// The artists property, Leipzig

Mit der mehrteiligen Installation bezieht die Künstlerin MarieEve Levasseur eine eher kritische Position zum gegenwärtigen Konsumverhalten innerhalb der OnlineIndustrie. Hat Levasseur in vorangegangenen Installationen vor allem utopisch affirmative Visionen einer umfassenden Digitalisierung entworfen, wird hier eine überwiegend kritische, jedoch nicht gänzlich negative Situation umkreist. Welche Daten geben Menschen bewusst und welche unbewusst im Umgang mit OnlineMedien preis? Welche Daten werden bei jedem Mausklick erfasst und was passiert damit? Kaum wird das Interesse auf ein bestimmtes Thema gelenkt, folgen unweigerlich Werbeblogs und Angebote rund um dieses Thema. Jeder Benutzer von Computern oder Handys kennt dieses Phänomen, belässt es aber zumeist nur bei kurzer Aufmerksamkeit, um es genau so schnell wieder zu vergessen. Erst eine intensivere Beschäftigung und der Blick von Außen scheint hierbei einen generellen Sachverhalt zu entdecken.

So zeigt die Installation »Prägung« tiefergreifende Veränderungen auf, wenn beispielswiese freiwillig ausgefüllte OnlineProfile unbewusst ein Stück der Privatsphäre abgeben. Andererseits ist aber der Täuschung ebenfalls Tor und Tür geöffnet. Fake Accounts oder Social Bots zur Aufwertung des eigenen Persönlichkeitsprofiles sind nur einige Beispiele. »Tracking, ununterbrochene Vernetzung und ständig geteilte Aufmerksamkeit korrelieren mit Körperhaltung, Meinung und Wahrnehmung«, so die Künstlerin.

Der bereits zur Diagnose gewordene Handydaumen unterscheidet schon auf dem ersten Blick die sogenannten digital natives, die in das digitale Zeitalter hineingeborene Generation, von den digital immigrants, welche erst später mit der digitalen Welt in Kontakt gekommen sind und meist den Zeigefinger zu Befehlseingaben nutzen.

Der permanente Blick auf den Bildschirm, stetige Erreichbarkeit, der gesellschaftliche Druck, möglichst sofort eine Nachricht beantworten zu müssen oder das pausenlose Überwachen der eigenen Körperfunktionen können sich zu Symptomen des Zwanghaften entwickeln. Psychosomatische Störungen sind daher nicht selten die Folge. Hier schlägt die Optimierung um in ihr Gegenteil, oft unbewusst und schleichend. Die scheinbare Grenzenlosigkeit der Freiheit wird zum Gefängnis des eigenen Selbst und die Selbstoptimierungsindustrie zum großen Geschäft von Wenigen. Darauf mag die Installation »Prägung« anspielen, indem sie illuminierte Stühle aus einem fiktiven Tätowierstudio in Kombination mit einem Gewebestück an der Wand zeigt. Die Oberflächen der aus Porzellan bestehenden Polsterung sowie das ebenfalls aus Porzellan bestehende Gewebe sind von einem Muster aus leuchtenden Icons sozialer Medien und Computerkonzernen durchzogen. Das lichtdurchlässige Porzellan verweist optisch wiederum auf die Haut der potentiellen Kunden, welche im Minutentakt mit Onlineplattformen infiltriert und verbunden werden. Die serielle Anordnung der drei jeweils aus einem Hocker, einer Arm und Kopflehne bestehenden Tätowierplätze erweckt ebenfalls den Eindruck von Fließbandarbeit am menschlichen Körper.

Ohne die Anwesenheit von tatsächlichen Menschen wird somit ein Bild evoziert, welches den Betrachter sowohl auf Möglichkeiten digitaler Vernetzung als auch auf deren Folgen aufmerksam macht. Unweigerlich entsteht ein Szenario mit der Frage, wie viel vom Individuum in der totalen Vernetzung und deren Überwachung übrig bleibt. Ethische Bedenken hinsichtlich der Bedeutung von Menschenwürde, Selbstbestimmung, Meinungs und Religionsfreiheit werden herausgefordert.

Somit eröffnet Levasseur eine Welt hinter der Alltagswirklichkeit, welche mit den berühmten Worten Paul Klees nicht Sichtbares wiedergibt, sondern sichtbar macht.

Marie-Eve Levasseur (geb. 1985)
»An Inverted System to Feel (your shared agenda)«, 2016,
Video: 7 min, Besitz der Künstlerin
/// The artists property, Leipzig

Text: Dr. Barbara Röhner

marieevelevasseur.com