Maschine, die auf Gott wartet

Hannes Waldschütz »Maschine, die auf Gott wartet /// Machine that waits for god«, 2007

Hannes Waldschütz (geb. 1984)
»Maschine, die auf Gott wartet /// Machine that waits for god«, 2007,
Elektronik, Software, Glas /// Electronics, software, glass,
15 x 18 x 18 cm, Besitz des Künstlers, Leipzig
/// The artists property, Leipzig 

Die »Maschine, die auf Gott wartet« gehört zu drei »wartenden Maschinen«, welche Hannes Waldschütz am 24. Oktober 2007 um 18:07 Uhr öffentlich in Bremen aktiviert hat. Während die »Maschine, die auf einem Zeitpunkt wartet« nach eineinhalb Jahren sich bereits selbst ausgeschaltet hat und die »Maschine, die darauf wartet, nicht mehr zu warten« durch einen Transportunfall ebenfalls seine Funktion verlor, ist heute nur noch die auf Gott wartende Maschine existent.

Allen drei Maschinen gemein war die Programmierung des Deaktivierens. Bei der zuletzt verbliebenen Maschine ist programmierungstechnisch der Auslöser Gott, der mittels Schließung eines offenen Signalflusses über einen Sensor die Maschine zum Stillstand bringt. Bis dahin ist eine permanente Abfrageschleife aktiv, was von außen allerdings nur durch das Leuchten einer grünen LEDLampe zu registrieren ist. Unter einer gläsernen Halbkugel sind zwar die elektronischen Bauteile erkennbar, doch die Software und die damit verbundene Rechenleistung bleibt dem Betrachter verborgen. Die Transparenz des Objekts zeigt daher nicht mehr als die sichtbare Hülle der Außenwelt. Eine fortlaufende Aktivität der Maschine gewährleistet eine eingebaute Notstromversorgung, so dass selbst der Schöpfer der Maschine, ohne einer nachträglichen Manipulation den Zeitpunkt der Deaktivierung nicht vorhersagen kann. Er muss wie die Maschine somit selbst warten.

So absurd auf dem ersten Blick eine Vorstellung des Eintretens dieser Situation zunächst klingen mag, regt die Installation zum Nachdenken über das Warten, dem Glauben und zu allgemeinen Übertragungsprozessen an.

Wird das Warten auf seiner Bedeutungsebene hin betrachtet, kann eine Maschine, der keine Gefühlswelt oder Emotionen zugeschrieben werden, sicher nicht im menschlichen Sinne warten. Denn dazu gehört ein Bedeutungshorizont, der je nach Disposition mit Leid oder Freude verbunden ist. Das Warten kann schließlich von der Entlassung aus der Gefängnishaft bis zum Warten auf den Weihnachtsmann reichen. Warten im Formalen Sinne, als ein auf das Eintreten eines bestimmten Ereignisses gerichteter Zustand, kann hingegen durchaus von einer Maschine realisiert werden, indem mittels Mikroprozessoren die ständige Abfrage nach dem Eintreffen des Ereignisses erfolgt.

Das mehr oder weniger bewusste Abfragen nach Hinweisen des Ereigniseintritts kennzeichnet zugleich auch eine Erwartungshaltung, die vom Glauben an den Eintritt eines bestimmten Ereignisses geprägt ist. So zum Beispiel in der christlichen Heilslehre, die mit dem Glauben an der Erlösung des Menschen von seinen Sünden bis hin zu Vorstellungen der Wiederkehr Gottes verbunden ist.

Doch wer oder was ist Gott? Eine ähnliche Frage stellt sich auch bei Beckets Stück Warten auf Godot, worin die Absurdität des Wartens, wenn nicht des gesamten Lebens erkennbar wird. Ist es nicht aber ebenso absurd, menschliche Wesenszüge einer praktisch nutzlosen Maschine zu übertragen? Handelt es sich hierbei nicht vielmehr um einen Anthropomorphismus zur Spiegelung existentieller Bedürfnisse wie in Fabeln und Märchen?

Die Verlagerung geistiger Aktivitäten auf digitale Medien beispielsweise durch individuell zugeschnittene Lerninhalte oder elektronische Merkzettel, von gespeicherten Kontaktdaten ganz zu schweigen, schließt nun die Dimension des Wartens auf Gott ein. Wenn eine Maschine auf Gott wartet, müssen wir es letztendlich nicht mehr tun.

Wird die Ausgangsidee zur Konstruktion der wartenden Maschinen von Hannes Waldschütz berücksichtigt, eröffnet sich noch eine weitere Dimension »moderner Menschenfallen«. Als solche bezeichnet der Künstler Landminen, welche ebenfalls als wartende Maschinen gelten können. Doch während hier von einer »Ästhetik des Hinterhalts« (Waldschütz) gesprochen werden kann, eröffnet sich mit der »Maschine, die auf Gott Wartet« eine »Ästhetik der Geduld« in Zeiten gravierender Veränderungen.

Text: Dr. Barbara Röhner

Literaturnachweis:
Hannes Waldschütz: Wartende Maschinen – Zur Ästhetik des Hinterhalts https://vimeo.com/42616821

Hannes Waldschütz (geb. 1984)
»Schüchterne Maschine /// Shy machine«, 2007,
Elektronik, Messing, Zeichnung von Annalena Kasperek
/// Electronics, brass, drawing by Annalena Kasperek,
14 x 5 x 7 cm, Besitz des Künstlers /// The artists property, Leipzig