Leipziger Landschaft mit Selbstporträt

Leipziger Landschaft mit Selbstporträt, 1982 Radierung, Heliogravüre; 22,8 x 32,8 cm

Joachim Jansong (geb. 1941)
»Leipziger Landschaft mit Selbstporträt /// Leipzig landscape with self-portrait«, 1982, Radierung, Heliogravüre /// Etching, heliogravure, 23 x 32,9 cm, MdbK Leipzig, Inv.-Nr. 1982-157. Erworben 1982 vom Künstler, Leipzig

Joachim Jansong ist ein versierter Fotograf, der sich zum wichtigsten Vertreter der Collage und Montage in der DDR-Kunst der 1970/80er Jahre entwickelte. Sehr zielführend wusste er die durch die modernen Medien veränderten Sehgewohnheiten zu nutzen, seit er experimentierfreudig ab 1978 Fotografie mit druckgraphischen Techniken wie Siebdruck oder Radierung sowie malerischen Mitteln zu verknüpfen begann. Die entstehenden Werke zeichnen sich durch ein Höchstmaß an handwerklich-technischer Präzision und Perfektion aber auch durch geistige Vielseitigkeit, politische Wachheit und an die Grenze der Provokation gehende Inhaltlichkeit aus. Herausgelöst aus ihren ehemaligen Zusammenhängen offenbaren diese Fragmente in ihrer neuen unkonventionellen Zusammenfügung tiefere Sinnschichten und eröffnen vielfältige Gedankenwelten, fordern den Betrachter emotional und zu einer persönlichen Stellungnahme heraus. Verknüpft werden ebenso Historie und aktuelles Zeitgeschehen, Traditionsbezug und Avantgarde zu einer besonders die lokale Leipziger Kunstszene charakterisierenden kritischen Zeitzeugenschaft.

In den ausgestellten Blättern wandte sich Jansong kritisch der sich immer stärker verschärfenden Umweltproblematik im mitteldeutschen, von Braunkohleabbau und chemischer Industrie geprägten und geschädigten Industriegebiet zu. Es ist vielleicht gerade das ungefilterte Schwarz-Weiß der Blätter, welches sie so unmittelbar direkt, fast dokumentarisch überzeugend wirken lässt. Vor einer typischen Industriesilhouette, zeigt sich der Künstler in der »Leipziger Landschaft mit Selbstporträt« an seinem Arbeitsplatz sitzend, nachdenklich die Arbeit an einem druckgraphischen Blatt unterbrechend. Er ist persönlich Betroffener, der mittels seiner künstlerischen Fähigkeiten aber auch die Möglichkeit nutzt, die Problematik bei seinen Mitmenschen im Bewusstsein zu halten. Viele dieser Blätter waren in Ausstellungen zu sehen und auch zu erwerben. Mehrfach war Jansong unter den Preisträgern der zahlreichen Jahrgänge »100 ausgewählten Graphiken«, die der Staatliche Kunsthandel in Wanderausstellungen anbot.

Das Leben und die Landschaft im Mitteldeutschen Braunkohlerevier der Region Halle-Leipzig-Altenburg-Quedlinburg und das Lausitzer- bzw. Oberlausitzer Abbaugebiet sind von der in der DDR ohne Rücksicht auf Umweltbelange radikal durchgeführten Kohleförderung besonders betroffen gewesen. Braunkohle hielt die Wirtschaft in Gang, dieser fossile Bodenschatz war der wichtigste Energieträger, aus ihm wurde nahezu alles gemacht. Es sollen ca. 250 Orte gewesen sein, die der Kohle zum Opfer fielen. Verlust an Heimat und persönlichen Bindungen durch Umsiedlungen waren die Folge. Zusätzlich litten Mensch und Natur unter den schädlichen Folgen der vielseitigen chemischen Verarbeitung dieser Rohstoffe in der unmittelbaren Nähe ihres Abbaus. Erinnert sei an ca. 60 oppositionelle Umweltgruppen, die Ende der 1980er Jahre in der DDR bestanden und die meist auch mit Gruppen der Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung in der DDR kooperierten. Dazu gehörte die am 2. September 1986 gegründete Umwelt-Bibliothek in Berlin.

Das letzte Foto, 1982 Radierung, Heliogravüre; 49,4 x 36,2 cm

»Das letzte Foto /// The last photo«, 1982, Radierung, Heliogravüre
/// Etching, heliogravure, 49,5 x 36,2 cm, MdbK Leipzig, Inv.-Nr. 1984-380.
Erworben 1984 von der Galerie am Sachsenplatz, Leipzig

Das graphische Blatt »Das letzte Foto« bezieht sich auf einen ganz konkreten Ort, auf Magdeborn. Ende der 1980er Jahre standen die Bagger an der südlichen Grenze von Leipzig, Eythra war betroffen und Magdeborn wurde zu einem gewissen Synonym für Zerstörung von Lebensraum und Sterben der Natur. Im Süden des Leipziger Landes als slawische Siedlung seit dem 7. Jahrhundert bei der mittelalterlichen Via Imperii gelegen, war Magdeborn 1934 mit sechs weiteren Dörfern zusammengeschlossen worden. Um 1940 baute man hier eine Siedlung für die in Espenhainer Industriekomplexen Beschäftigten. Zwischen 1977 und 1980 musste Magdeborn der Kohle endgültig weichen, nachdem seit Ende der 1960er Jahre mehr als ca. 3000 Bewohner umgesiedelt worden waren. Heute liegt der ehemalige Ort am Grunde des Störmthaler Sees, der wie zahlreiche weitere ehemalige Tagebaue als Neu-Seen-Land dieser gebeutelten Region langsam wieder neue Lebensqualität verleiht.

Text: Dr. Dietulf Sander