»Leibnizprojekt I-0«

Olaf Martens »Leibnizprojekt« Fotografie

Olaf Martens, »Leibnizprojekt I-0«/// Leibniz project I-0« der Stadt Leipzig, of the city of Leipzig, Studentinnen der Klassischen Archäologie, Gipsabdrucksammlung des Instituts für Klassische Archäologie und Antikenmuseum der Universität Leipzig /// Students of Classical Archeology, plaster cast collection of the Institute of Classical Archeology and Antiquities Museum of the University of Leipzig, 2015, Fotografie auf Dibond /// Photography on Dibond, 150 x 200 cm, Besitz des Künstlers /// The artists property, Leipzig

Anlässlich des Leibniz-Jubiläums 2016 in Leipzig inszenierte Olaf Martens zahlreiche Visionen des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz.
Als Sohn dieser Stadt genoss Leibniz bereits in seinen Kindheitsjahren eine umfassende Bildung. Neben Selbststudien in der Bibliothek des früh verstorbenen Vaters – mit acht Jahren brachte er sich zum Beispiel die lateinische Sprache autodidaktisch bei – war die Alte Nikolaischule, in dem sich heute das Antikenmuseum befindet, der Ausgangpunkt seiner umfassenden Bildung. Hier lernte Leibniz zwischen 1655 und 1661 im sogenannten Auditorium unter anderem Griechisch, lutherische Theologie, Mathematik, Logik und Geschichte. Die antike Literatur diente Leibniz zur grundsätzlichen Orientierung, aus wissenschaftlichen Theorien und Beobachtung Experimente zur Erkenntnis der Natur und seiner zu Grunde liegenden Struktur zu entwickeln. Die Räumlichkeiten der Gipsabdrucksammlung antiker Plastiken des Instituts für Klassische Archäologie in Leipzig, die auch Büsten berühmter Philosophen und Dichter beherbergt, bilden daher die Perfekte Kulisse für eine Fotoserie des LeibnizProjekts.

In mehreren fotografischen Versuchsanordnungen galt es daher einen Weg der visuellen Annäherung und zeitgenössischen Transformation von Leibniz visionären Zukunftsentwürfen und bahnbrechenden Entdeckungen zu finden. Dazu zählt Leibnitz Monadentheorie als Grundlage seiner Philosophie, die den Wiederspruch zwischen Determinismus und Willensfreiheit aufzuheben versuchte.

Monaden als kleinste unteilbare Bestandteile würden laut Leibniz gänzlich den Raum ausfüllen, sich mit unterschiedlichen Eigenschaften versehen in vorherbestimmten Beziehungen zueinander befinden und durch einen Weltenschöpfer aus dem Nichts erschaffen und synchronisiert werden. Durch einen inneren Trieb der Vervollkommnung durchlaufen dabei einige Monaden eine Entwicklung von einfacher Empfindung zu höherem individuellem Selbstbewusstsein. Sie bilden miteinander eine verträgliche Einheit und damit die »beste aller möglichen Welten«.

Diese unter Philosophen heiß umstrittene Theorie griff in Teilen jedoch 200 Jahre später der österreichische Physiker und Mathematiker Ernst Mach auf und entwickelte daraus die Erkenntnis, »dass die metrische Struktur des Raumes eine Funktion der den Raum erfüllenden Materie ist.« (Hiersemann, S. 82) Schließlich floss diese Erkenntnis in die »Allgemeine Relativitätstheorie« Albert Einsteins ein.

Auf der Fotografie von Olaf Martens erlauben die sich schemenhaft bewegenden Figuren die Assoziation ähnlicher, raumfüllender Monaden vor einem zeitgenössischen Stencil eines Leibniz-Porträts. Das Kellergeschoss mit seinen Stahltüren mag die unterste Stufe zur Vervollkommnung der Monaden andeuten. Synchronisiert in gegenläufiger Bewegung unterscheiden sich die Figuren lediglich minimal durch Kleidung und Größe. Die Bewegungen wirken gleich einem inneren Programm folgend, von Willensfreiheit keine Spur. Das mag Leibnitz’ Idee der Einheit von Determinismus und Willensfreiheit widersprechen, unterstützt zugleich aber seine Vorstellung, mittels mathematischer Logik Denkprozesse und deren Ergebnisse auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen zu können.

Schließlich legte Leibniz vor knapp 350 Jahren mit seiner binären Codierung des Dezimalsystems den Grundstein für die heutige Digitalisierung und er konzipierte als erster eine auf dem binären Zahlensystem beruhende Rechenmaschine, auch wenn diese erst 1990 durch Nikolaus Joachim Lehmann in Dresden funktionstüchtig realisiert wurde.

Angesichts gegenwärtiger Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und deren Einsatz in der Herstellung von Androiden, die bereits im Gesundheits und Hotelwesen erprobt und eingesetzt werden, eröffnet sich noch eine weitere Interpretationsebene für das LeibnizProjekt von Olaf Martens. Mögen uns zukünftig nur noch logisch strukturierte Wesen begegnen, selbstlernende Systeme aus einer schier unüberschaubaren Masse menschlicher Datensätze? So stellt sich die Frage nach dem Gott, der hier am Schaltpult sitzt.

Doch »würde es der Leibnizschen Überzeugung von der Willensfreiheit des Menschen widersprechen, sich Organismen bis hin zu denkenden Wesen als zunehmend komplexe, im Grunde binär kodierte Automatensysteme, also die Möglichkeit einer ‚Künstlichen Intelligenz’, vorzustellen.« (Hiersemann, S. 72)

Cyborgs als Mensch-Maschine-Hybridwesen schließen eine Theorie der Einheit von Determinismus und Willensfreiheit jedoch nicht zwingend aus.

Text: Dr. Barbara Röhner