Leben ist Arbeit

Rudolf Küchler (1867 – 1954),
Bronze, 62 cm

Leipzig, Museum der bildenden Künste
Inv.-Nr. PM 40. Alter Bestand

Merksätze wie »Leben ist Arbeit« geben in jeder Generation mehr oder weniger verbindliche moralische Richtlinien vor, zielten auf gesellschaftliches Wohlverhalten. Sie spiegeln die jeweils herrschenden Werte und Normen wider, zugeschnitten auf die Geschlechter, die unterschiedlichen Klassen und Schichten oder auch Glaubensrichtungen. Danach zu leben vermittelte das Gefühl, dazu zu gehören und ein ‚normales‘, gesellschaftlich akzeptiertes Leben zu führen. Unzählige bestickte Handtücher, bemaltes Geschirr, Kalendersprüche oder Wandschmuck verbreiteten sie allgegenwärtig. Und einige wirken zeitlich weit hinaus, denn die aktuelle Genderdebatte hat u.a. in den damals zementierten Verhaltensnormen von Frauen und Männern ihre Ursache. Gerade dieser Spruch hat wohl vor allem Generationen von Männern geprägt, so dass sich viele bis in unsere Gegenwart hinein häufig über ihre Arbeit definieren. An der Schwelle zum digitalen Zeitalter und zum Leben mit Künstlichen Intelligenz werden Fragen der Work-Life-Balance für uns wichtig, ist Wellness ein Zauberwort geworden, liefern Studien steigende Raten von Arbeitnehmern, die sich innerlich von ihrem Arbeitsplatz verabschiedet haben. Auch wenn Arbeit belastet und krank macht, Viele können sich ein Leben ohne Arbeit kaum vorstellen, bietet sie doch Bestätigung und Wertschätzung, vielfältige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Flexiblen Arbeitszeiten oder Home-Office-Tage sind neue Modelle, das Verhältnis von Arbeit – Familie – Freizeit neu zu gestalten. Neben den vielgestaltigen Angeboten der Therapeuten, Mentoren oder Coachs unterstützt z.B. die in Sachsen wie bundesweit agierende Organisation »ARBEIT UND LEBEN« dabei, »über Bildungsprozesse soziale, kulturelle und gesellschaftliche Diskriminierungen abzubauen und fördern die gesellschaftliche Teilhabe innerhalb und außerhalb des Berufes.« (https://www.arbeitundleben.eu/)

Aber können wir als Nachfolge-Generation überhaupt nachfühlen, was das einsetzende Industriezeitalter dem Menschen damals an grundlegenden Umstürzen und daraus resultierender Optimierung ihres Lebens abverlangt hat? Kann man beispielsweise nachempfinden, was es allein schon bedeutete, als »am 1. April 1893 die Eisenbahnzeit als die neue Normal- und Einheitszeit im Deutschen Reich eingeführt« (M. Jehle) wurde? Nicht mehr die Tages- oder Jahreszeiten, die Nachfrage nach bäuerlichen oder handwerklichen Produkten oder individuelle Gestaltungsmöglichkeiten der anstehenden Arbeitsaufgaben bestimmten das Lebensgefüge und den Arbeitsrhythmus seither, sondern die feststehenden Fahrzeiten, ohne die ein zügiger Personen- und Güterverkehr zwischen Ländern, Städten oder Industriezentren nicht zu bewältigen waren und der raschen Ausbreitung der Industrialisierung Grenzen gesetzt hätten. »Die Beherrschung der Zeit, die nun nicht mehr dem regionalen Sonnenstand unterworfen war, sondern die Funktion des technischen Apparates wurde, ist nur ein Indiz dafür, dass auch Präzision, Zuverlässigkeit, Ordnung, Disziplin zu allgemein akzeptierten Tugenden wurden, die heute unseren Alltag« noch immer ebenso bestimmen. Das Leben der Arbeitenden und ihrer Familien regelten nun der Wecker, Fabriksirenen, Anwesenheitsnachweise, Stechuhren und ein immer differenzierter und ausgeweiteter Katalog betrieblicher Vorschriften und Regelungen nicht nur für die Arbeits- und Pausenzeiten, sondern bis in die Freizeit hinein. Sie alle sind charakteristisch für den damaligen »Typus der patriarchalischen Unternehmensführung.« Das Gesamtsystem »dokumentiert vielmehr auch die Lebensgewohnheiten der ersten Fabrikarbeitergeneration und verweist so auf einen der kritischsten und schwierigsten Wandlungsvorgänge, die während der Industrialisierung  in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern vor sich gingen: die Gewöhnung der Arbeiter an die Disziplin der Fabrikarbeit.« (Th. Engelhardt)

Dem Arbeitstakt den Maschinen, das jeweilige Fabrikreglement, insgesamt dem Diktat der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer systematischen Zeitökonomie, hatten sich die Menschen in ihrer Lebensführung unter zu ordnen: Zeit wurde Geld.  Fabrikarbeit bedeutete durch die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort aber auch das Zerreißen von bisher üblichen Familienbeziehungen. Dagegen setzten die Arbeitenden allmählich sich zur Wehr, begannen gewissermaßen, eine andere Seite ihrer persönlichen Optimierung aufzubauen und durchzusetzen. Der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), am 23. Mai 1863 in Leipzig gegründet, wurde die erste Massenpartei der deutschen Arbeiterbewegung. Solche Vereine und sozialistischen wie sozialdemokratischen Arbeiterparteien setzten sich in erster Linie für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Lösung der »sozialen Frage« ein. Kranken-, Unfall-, Invaliden- oder Altersversicherungsgesetze setzte man in den 1880er Jahren durch und ergänzten bisherige innerbetriebliche Sozialangebote der Unternehmer (Werkswohnungen, Wohlfahrtseinrichtungen, Dienstalter- bzw. Jahresprämien, Werkküchen etc.). 1890 fand die 1. Maifeier statt, der 8-Stunden-Tag wurde 1918 eingeführt. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren ein Höhepunkt der Arbeiterbewegung, mit deren Ergebnissen und Errungenschaften vor allem westliche Demokratien heute noch leben und die jedoch für das 21. Jahrhundert im Sinne einer beständigen Humanisierung der Arbeitswelt weltweit durchgesetzt und optimiert werden müssen.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Zitiert nach: Manfred Jehle, Eisenbahn und Industrialisierung. In: Ausst.-Kat.: Leben und Arbeiten im Industriezeitalter, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg1985, S. 39 – 44, hier S. 43.

Thomas Engelhardt, Menschen nach Maß. Fabrikdisziplin und industrielle Zeitökonomie während der Industrialisierung Bayerns. In:  Ausst.-Kat.: Leben und Arbeiten im Industriezeitalter, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg1985, S. 289 – 294, hier S. 289.