Leben in Technologistan II

Firit, Leben in Technologistan, 1979

Günter Firit (1947 – 2010)
»Leben in Technologistan II /// Life in technologistan II«,
1979, Öl auf Hartfaser /// Oil on hardboard,
140 x 180 cm, MdbK Leipzig,
Inv.-Nr. G 3077. Erworben 1997 von der Galerie Lutz Fiebig, Berlin

Die Beschäftigung Günter Firits mit der Thematik Mensch und Großstadt führte mit dem Triptychon »Stadtvision« von 1976 zu einer Reihe von expressiven, malerisch dichten und farbig sonor glühenden Stadtlandschaften. Menschenleer zeigen sie im gedämpften Kolorit Großstadt- und Fabrikarchitekturen in extremer Dichte zusammengepresst. In den beiden großformatigen Fassungen »Leben in Technologistan« von 1979 sind marionettenhafte, verstümmelte und nackte Menschenleiber brutal und ausweglos in ein festgefügtes System von Architekturfragmenten, schwarzen Gitterstrukturen und technoiden Gebilden verflochten, aus dem jegliches natürlich Gewachsene eliminiert wurde. Die Farbigkeit ist durch kräftige Kontraste und die grelle Helligkeit nackter Leiber expressiv gesteigert: »Technologistan erschien mir als Zusammenballung gesichtsloser, maskenhafter Wesen, die ich in sehr aggressiven Bildfindungen versucht habe, zu formulieren. Der in sich selbst Gefangene, sich selbst Behindernde, zu Mitteilung oder gar Liebe Unfähige kann im Extremfall für seine Umwelt zum Monster werden, oder, drapiert mit schöner Äußerlichkeit, zum exquisiten Kadaver.« (G. Firit) Bei der Lektüre der Erzählungen Norman Mailers stieß er auf die Formulierung »Technologistan«. Diese Worterfindung »erschien mir sehr symbolträchtig und ausdrucksstark für den Charakter unserer modernen Lebensumwelt«: »Es ist für viele meiner Bilder zum Thema geworden, von poetischer Bildbefragung bis zu aggressiven Figurationen reicht die Skala der Arbeiten«.

Das Gemälde »Leben in Technologistan II« kann heute rückwirkend Erinnerungen an die gelebte Realität in den Städten als Parabel auf die gesellschaftliche Situation in der DDR der beginnenden 1980er Jahre auslösen, die nicht nur Günter Firit zur Ausreise trieb. Man denke an die dreiteilige Dokumentation von Gerlinde Marquardt über das industriegeprägte Leipzig: »Ist Leipzig noch zu retten?« (Teil 1, DDR-Fernsehen 6.11.1989). Aber die Thematik kann die Gedanken ebenso zu den gegenwärtigen Problemen heutiger Großstädte bzw. Ballungsräume hinlenken: mangelnder Wohnraum, explodierende Mieten, Feinstaubverschmutzung, Verkehrschaos, demografischer oder Klimawandel, soziale Spannungen, Versorgungsproblematik, Ungleichgewicht Stadt – Land etc. Die Optimierung der Städte hin zu zukünftig lebenswerten Orten ist weltweit zu einer gesamtgesellschaftlichen Hauptaufgabe geworden.

Ein Positionspapier des Deutschen Städtetages formulierte: »Die Städte sind auch in Zukunft als Orte von Wissen und Kreativität Treiber der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (…). Vor dem Hintergrund einer regional sehr differenzierten Wirtschaftsstruktur und Bevölkerungsdynamik erfüllt das Leitbild der räumlich kompakten, nutzungsgemischten, sozial und kulturell integrierenden Europäischen Stadt wohl am besten die Anforderungen an eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt (…), unterstreicht die Bedeutung der Städte für die Entwicklung Europas.« Hingewiesen sei beispielsweise auf das Anfang 2010 gestartete Forschungsprojekt »Morgenstadt« der Fraunhofer-Gesellschaft. Im Rahmen des Future City Innovation Programme (FCIP) geht es um Netzwerkarbeit mit den Kommunen, um die komplexen Herausforderungen der Entwicklung im 21. Jahrhundert zu lebenswerten, belastbaren, nachhaltigen und integrativen Städten zu unterstützen (https://www.morgenstadt.de/de/projekte/collaborative-r-d/FCIP.html).

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Integrierte Stadtentwicklungsplanung und Stadtentwicklungsmanagement – Strategien und Instrumente nachhaltiger Stadtentwicklung. Positionspapier des Deutschen Städtetages, 2013. S. 5. Die Leipzig Charta wurde am 24.5.2007 von europäischen Stadtbauministern verabschiedet.
Günter Firit, zitiert nach: Günter Firit. Untergang ohne Umarmung. Bilder 1980 – 1995, hrsg. von Eckhard Hollmann, Berlin 1995, S. 16 bzw. 76.