Jahrtausendschritt

Claudia Hauptmann (geb. 1966) »Jahrtausendschritt /// Step of the millenium«, 2017

Claudia Hauptmann (geb. 1966)
»Jahrtausendschritt /// Step of the millenium«, 2017,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 80 x 60 cm,
Galerie ARTAe, Leipzig

Angesichts einiger Werke von Claudia Hauptmann sieht sich der Betrachter selbst geradezu ins Zentrum einer ihn dicht gedrängt umgebenden Menschenmenge versetzt, in Kleidung und Gehabe ganz alltäglich vertraute Zeitgenossen. Manchmal sind es lediglich Köpfe und Hände, die man überhaupt nur noch mit schnellem Blick erfassen kann. Alle reden, nicht miteinander, sondern sind dabei gänzlich auf ihre Mobiltelefone konzentriert: sie telefonieren, schreiben auf ihnen, schauen gebannt auf sie, Nachrichten erwartend – »Im Netz« (2016). Ja, schlimmer noch, aus ihren Mündern ragen diese mit erleuchteten Displays sogar heraus. Aus kürzester Distanz und ungewöhnlicher Perspektive angestrahlt, erhalten die Gesichter ein leicht groteskes Aussehen.

Claudia Hauptmanns Malerei, die in der Tradition figürlich-gegenständlicher Kunst steht, sucht immer wieder die Nähe zu Alten Meistern nicht nur in der malerisch-gestalterischen und handwerklichen Perfektion, sondern sie nutzt jahrhundertealte Sujets und Motive aus der Mythologie ebenso wie aus literarisch-religiösen Quellen und verbindet sie mit aktuellen und gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. In Gemälden wie »Unsichtbar« (2016) oder »Der Idiot im Herbst« (2017) nimmt man inmitten des Gedränges kaum jene ‚verrückten‘ Einzelnen wahr, die manchmal ein Nest mit einem Ei auf dem Kopf tragen oder an einer Muschel dem vermeintlichen Meeresrauschen lauschen – bildimmanente Konzentrations- und Ruhepole, teils mit aufforderndem Schweigegestus. Hier besteht beispielsweise ein direkter Bezug zu Hieronymus Boschs »Kreuztragung (Ecce homo)« (1515/16; Gent). Man fühlt sich insgesamt an die aus verschiedenen Genres der bildenden Kunst und Literatur bekannten Darstellungen des »mundus inversus«, der »Verkehrten Welt« erinnert. In diesen wird satirisch-grotesk mit den Vorstellungen einer Welt gespielt, die im Gegensatz zur wirklichen Welt steht. Seit dem Altertum wird in ihnen im Aufzeigen menschlicher Torheiten und Laster die Frage nach dem Sinn der Welt, genauer nach dem Sinn des Lebens gestellt.

In solchen Werken reflektiert und seziert Claudia Hauptmann unser mitmenschliches Kommunikationsverhalten, welches durch die sich in der technischen Entwicklung förmlich überschlagende moderne Kommunikationstechnik einerseits kaum mehr Grenzen kennt, andererseits deutliche Verhaltensverschiebungen erkennen lässt. Begann die Entwicklung des Mobilfunks 1926, so stelle Motorola 1973 den ersten Prototyp eines Mobiltelefons vor. Digitale Mobilfunknetze ermöglichten, dass 1992 in den USA das erste GSM-fähige Mobilgerät präsentiert werden konnte. Seit Ende der 1980er Jahre projektierte man Tablets und Notebooks, ab Mitte der 1990er Jahre ermöglichen Smartphones mobile Büro- und Datenkommunikation und 2007 wurde das iPhone mit Multitouch-Bedienoberfläche eingeführt. Sind wir wirklich schon so weit, wie es ein Bildtitel von Claudia Hauptmann suggeriert: »Ein Narr, der seine Daumen nicht rührt!« (2015)? Es zeigt einen lachenden Jungen mit Eulenspiegelkappe vor einer Menschengruppe mit Smartphones stehend und sich direkt an den Betrachter wendend, der das seinige nicht berühren kann, weil er Fausthandschuhe trägt.

Die moderne Kommunikationstechnik taucht bei Claudia Hauptmann aber nicht nur in den dieses Kommunikationsverhalten ansprechenden figurenreichen Gemälden auf, sondern findet sich differenzierter vorgetragen ebenso in dem Porträt des am Computer arbeitenden »Torsten« (2010), der »Handymadonna« (2015) oder dem typisches Teenager-Verhalten eines Jungen sensibel beobachtenden Werk »Jahrtausendschritt«. In unbestimmtem Dämmerlicht gibt er sich in lässig-aufreizender Pose ganz dem Musikhören bzw. Videoclips sehen, dem Spielen oder dem Chatten hin, die Umwelt vergessend. Dass sich auch Fragen stellen, wie wir als Eltern den Umgang unserer Kinder mit den Medien gestalten – das ist nicht neu, wenn man die »Fernsehfamilie« (1972, Berlin, Nationalgalerie) von Sighard Gille oder den wie hypnotisiert allein vor dem Fernseher sitzenden »Florian« (1987) von Christl Göthner ansieht. So gesehen hat diese Fragestellung tatsächlich einen ‚Jahrtausendschritt‘ gemacht, nur die Medien haben sich geändert. »Fragwürdigkeiten des Seins, des Verhaltens, der Beziehungen der Menschen zueinander als ein Aspekt inhaltlicher Reflektion im Ergebnis intuitiver Wirklichkeitswahrnehmung lässt Claudia Hauptmann« (Petra Lange) sehr differenziert in ihre Werke einfließen.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Petra Lange: Claudia Hauptmann – die Malerei eine Passion. In: Claudia Hauptmann, o.J. (2014), S. 3 – 8, hier S. 7.

www.claudia-hauptmann.com