Havarie

Ulf Puder (geb. 1958) »Havarie /// Damage«, 2003, Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 140 x 120 cm, Leipzig, Kunstsammlung der Sparkasse Leipzig

Ulf Puder (geb. 1958)
»Havarie /// Damage«, 2003,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 140 x 120 cm,
Leipzig, Kunstsammlung der Sparkasse Leipzig
/// Art collection of the Sparkasse Leipzig

Während der Künstler Ulf Puder vor allem für seine geheimnisvollen Gemälde architektonischer Strukturen als Symbole der menschlichen Schöpfung bekannt ist, ohne den Menschen aber selbst abzubilden, zeigt diese Ausstellung ein früheres, kaum bekanntes Werk. Ein Ausnahmebild, wie es der Künstler selbst bezeichnet, entstanden u. a. aus Reflexionen zu Fritz Langs monumentalem Stummfilm »Metropolis« und Charlie Chaplins tragikkomödiantischer Gesellschaftskritik. Bereits zu jener Zeit der industrialisierten Moderne verband sich technische Euphorie mit dystopischen Anklängen. Überdimensionale Zahnräder und Fließbänder – seit den 1870er Jahren in amerikanischen Schlachthöfen im Einsatz und ab 1905 zur effizienten Herstellung von Leibniz Cakes auch erstmals in Deutschland angewendet – wurden filmisch in Szene gesetzt. Doch auch die Zeitmessung der Dreistundenschichten nach Stechuhr, die Anpassung des Menschen an die Arbeitsvorgänge und deren Optimierung durch arbeitswissenschaftlich untersuchte Bewegungsabläufe spielten visuell eine bedeutende Rolle. Frederick Winslow Tailor sowie Frank Bunker mit seiner Frau Lillian Moller Gilbreth seien hier als die berühmtesten Vorreiter industrieller Arbeitsoptimierung genannt. Letztere verbanden bereits frühzeitig Filmaufnahmen mit Zeitmessern zur Erforschung menschlicher Bewegungsabläufe im rationalisierten Arbeitsprozess. Neue Bildsprachen entstanden in Typografie und visueller Kommunikation. Sie prägten »das Zeitalter des Auges« und versuchten zugleich den Menschen zu verdeutlichen, »dass er, ohne es zu wissen und vermutlich auch zu wollen, längst wie eine Maschine funktioniert.« (Stiegler)

Der Mensch als Rädchen im Getriebe von Gesellschaft und Industrie wird an Hand des Bildes »Havarie« sinnfällig. Hier dominiert ein schräg in den Vordergrund laufendes Fließband, an dessen Ende eine große und eine kleine Frauenfigur sitzen. Auf dem Fließband befinden sich Schokopralinen, die im zunehmenden Maße zerdrückt über das Band laufen. Davon scheint die kleine Figur nichts mitzubekommen, sie sortiert beflissentlich die noch im unversehrten Zustand angekommenen Süßigkeiten in einen Kasten. Dessen Beschriftung ist kaum zu entziffern, da mehrfach überschrieben. Gleich einem Palimpsest – einem mehrfach beschriebenen Schriftstück von der Antike bis zum Mittelalter – wird dadurch die Kontinuität der Arbeit am Fließband sichtbar, auch wenn heute in zunehmenden Maße Roboter den Menschen verdrängen. Die große Frau am Fließband starrt hingegen auf die frisch auf dem Band erscheinenden Ausschusspralinen. Sie registriert die Störung, ist vorerst aber unfähig, dagegen etwas zu tun.

»Ich verstehe mein Bild als einen Blick in die Räume des Alltags – den Maschinenraum der Gesellschaft, in dem getan wird, was getan werden muss. Die absurd anmutende Darstellung betrachtet menschliches Handeln mit einer gewissen Leichtigkeit. Sie stellt im Kern die Frage nach dem Umgang mit unerwarteten Ereignissen. Die Krise als Chance! Aber dabei gelten die Gesetze aus der Anleitung: Wie bewege ich einen Dampfer? Die Entscheidungen auf der Brücke dürfen die Maschine nicht überhitzen. Das Essen bestimmt die Laune der Mannschaft, die die Maschine wartet«, so die Worte des Künstler zu seinem Bild »Havarie«.

So wie das Dampfschiff bereits in der Moderne als Symbol des fortschrittlichen Lebens vielfach in Architektur und Kunst Eingang fand, kann der Maschinenraum als Metapher für das Zentrum gesellschaftlicher Entwicklung gelten. Gleich dem Herz eines Organismus bedarf es sowohl des Verstandes als auch des Gefühls. Nur im ausgewogenen Verhältnis können Unwägbarkeiten gelöst werden. Dennoch bleiben wie hier im Bild Rätsel bestehen, gefolgt von einem Staunen, welches das Nichtverstehbare zu verstehen versucht.

»Puder stellt Chaos und Stille nebeneinander … [Seine] Szenen erzeugen ein Gefühl der Unruhe oder der belebten Stille, die den Betrachter verwirrt und verfolgt.« MARC STRAUS-Galerie

Text: Dr. Barbara Röhner

Literturnachweis:
Bernd Stiegler: Das Zeitalter des Auges. Fritz Kahn und Otto Neurath, in: Bildfabriken. Infografik 1920–1945, Fritz Kahn, Otto Neurath et al., Leipzig 2017, S. 43–48, hier: S. 44.

MARC STRAUSGalerie, NY:

Ulf Puder (geb. 1958)
»Flößers Weg nach Kapernaum /// Raftsmans way to kapernaum«, 1995,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 9-teilig im Block /// 9 parts in the block, je 50 x 40 cm, MdbK Leipzig