Gustav Harkort

»Gustav Harkort«, 1887

Adolf Lehnert (1862 – 1948)
»Gustav Harkort«, 1887, Carrarischer Marmor auf angesetztem Sockel
/// Carrara marble on a pedestal, 52 x 44 x 29 cm, MdbK Leipzig

Die Entwicklung eines komplexen Eisenbahnnetzes war die Voraussetzung, dass sich in Deutschland und in Europa die Industrialisierung so vehement ausbreiten konnte. Sie verband die Zentren der Kohlen- oder Erzproduktion mit den Zentren der Schwerindustrie und sorgte für die Verbreitung der Endprodukte. Wesentliche Initiativen dazu gingen von Leipzig aus.

Zu den bedeutendsten deutschen Unternehmerfamilien, deren Mitglieder über Generationen sich dem Handel, der industriellen Eisenwarenproduktion und dem Eisenbahnwesen verschrieben hatten, gehörten die Harkorts. Zu ihnen zählten Gustav Harkort (1795 – 1865) und seine Brüder, die sich stark für die Eisenbahn engagierten. Hatte z.B. sein Vater, der märkische Eisenwarenfabrikant Johann Caspar Harkort (1753 – 1818) in Hagen-Haspe die Harkort’sche Fabrik gegründet, so wurden dort unter Gustavs Bruder Johann Caspar Harkort (1785 – 1877) Achsen und Räder für die Eisenbahn hergestellt. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Harkort (1793 – 1880) führte die Harkort’sche Maschinenfabrik in Wetter (Ruhr) und gilt als ‚Vater des Ruhrgebiets«. Als Unternehmer und Politiker kämpfte er gegen Kinderarbeit, für allgemeine Schulbildung, für die Errichtung von Krankenkassen für Arbeiter und Berufsgenossenschaften.

Gustav Harkort nahm nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre im väterlichen Betrieb 1813/15 als Leutnant an den Befreiungskriegen teil. 1820 kam er nach Leipzig und gründete eine Spedition und Kommission, die mit englischen Garnen handelte. Seit 1829 leitete er in einem Kreis junger Leipziger Unternehmer erste Vorbereitungen für den Bau der Bahnstrecke Magdeburg–Leipzig und war am 3. April 1834 Mitbegründer des Leipziger Eisenbahn-Komitees, das die grundlegenden Überlegungen von Friedrich List (1789 – 1846) für ein deutsches Eisenbahn-Netz aufnahm und letztendlich mit dem Bau einer ersten Strecke zwischen Leipzig und Dresden (Leipzig-Dresdner Eisenbahn) begann. Harkort stand dem Direktorium der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie von der Gründung 1835 bis zu seinem Tode als Vorsitzender vor.

1836 zählte er zu den Mitbegründern der Kammgarnspinnerei zu Leipzig AG, der ersten Leipziger Aktiengesellschaft. 1838 war Harkort einer der Gründer der Leipziger Bank und 1856 Mitbegründer der Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt, deren Direktor er wurde. Innerhalb Sachsens gehörte er viele Jahre als Abgeordneter des Handels und Fabrikwesens dem Sächsischen Landtag an. Wie viele seiner Unternehmer-Mitbürger engagierte sich Gustav Harkort auch für zahlreiche kulturelle und soziale Projekte, zu denen sein Einsatz für die Gründung eines Leipziger Kunstvereins zähle, der 1837 Realität wurde. Zu seinen Zielen gehörte der Bau eines Bildermuseums, dessen Pforten sich 1858 auf dem Augustusplatz öffneten.

1864 wurde er Ehrenbürger der Stadt Leipzig, und seit 1876 trägt die Harkortstraße in Leipzig seinen Namen. Am 9. Juli 1878 wurde das vom Architekten Carl Gustav Aeckerlein entworfene Harkort-Denkmal in Leipzig auf dem Promenadenring eingeweiht, deren Büste Eduard Lürssen schuf. Eine Büste Harkorts bezog 1927 Adolf Lehnert in das in den Anlagen am Schwanenteich gelegene List-Harkort-Denkmal ein (Büste heute auf der Westseite des Querbahnsteigs im Hauptbahnhof). Das bildnerische Können Adolf Lehnerts, der zahlreiche bauplastische Arbeiten an öffentlichen und privaten Bauten in Leipzig ausführte und als Porträtist sehr gefragt war, zeichnet bereits diese früher entstandene Büste des Eisenbahnpioniers Gustav Harkorts aus.

Text: Dr. Dietulf Sander