Grenzerfahrung

Christiane Budig (geb. 1969) »Grenzerfahrung /// Borderline experienceg«, 2018

Christiane Budig (geb. 1969)
»Grenzerfahrung /// Borderline experienceg«, 2018, 
5 Glassegmente in Form geschmolzen, z.T. Hinterglasmalerei,
2 Holzbohlen /// Glass segments melted in the form, partly reverse glass painting, 2 wooden planks, 100 x 120 x 100 cm, Besitz der Künstlerin /// The artists property, Halle/Saale

Für Christiane Budigs künstlerisches Schaffen spielt Glas mit seinen ambivalenten Eigenschaften eine besondere Rolle. Auf der einen Seite Härte und Festigkeit auf der anderen Seite jedoch verführerische Zartheit und Fragilität. Als eines der ältesten synthetischen Materialien der Menschheit hat Glas aufgrund seiner Fülle an Erscheinungsformen bis heute in der Kunstwelt und darüber hinaus an Faszination nichts verloren. Das im Gegensatz zu modernen Kunststoffen schwer zu bearbeitende Material stellt die Künstlerin in ihrer Arbeit jedoch immer wieder vor Herausforderungen. Durch Schmelzprozesse, Ätzungen oder die Kombination mit anderen Materialien werden die Grenzen der Bearbeitungsmöglichkeiten ausgelotet. Meist bleibt der prozesshafte, experimentelle Charakter erkennbar und korreliert mit den inhaltlichen Aspekten der Arbeiten. 

Die in Holz hintereinander positionierten Glaspaneele lassen über die Herstellung hinaus ebenfalls einen Prozess erkennen. Hier geht es um die Bewegung eines Gesichtes, welches je nach gewählter Betrachtungsrichtung aus den Glaspaneelen hervorkommt oder in diesen verschwindet. Unterstützt wird die Bewegungsassoziation durch die als Sockel dienende Holzbohle gleich einem Schienenstrang.

Offensichtlich versucht ein menschliches Wesen mit dem Kopf voran durch Wände zu gehen und damit Grenzen zu überwinden. »Mit den Kopf durch die Wand« oder »sich kopfüber in ein Abenteuer stürzen« sind bekannte Redensarten, die mit der Installation in Verbindung gebracht werden können. Und angesichts der Jubiläumsfeierlichkeiten zur Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren mögen sich sogar hoffnungsvolle Bilder einstellen. Ganz im Gegensatz zur gegenwärtige Abschottungspolitik vieler Wohlstandsländer, welche für die betroffenen Hilfe suchenden Menschen oft traumatisierend ist. Solcherart Grenzerfahrungen verletzen, sind unmenschlich. Ein mit schwarzer Farbe bespritztes Gesicht als separate Figur spielt offensichtlich auf negative Erfahrungen beim Versuch der Grenzüberschreitung an. Sie ist mit einem Makel besetz, einem Kainsmal, was nicht einfach abzuwaschen ist. Es ist das biblische Zeichen, welches sowohl den Frevler kennzeichnet als auch diesen vor einem gewaltsamen Tod schütz. Auch hier wieder eine Ambivalenz, wie sie für Budigs Werk charakteristisch ist.

Während Mauern und Grenzen zur Unüberwindbarkeit errichtet werden, scheint das Gesicht jedoch keine Mühe der Überwindung zu verspüren. Fast geisterhaft mäandert es von einem Paneel zum Anderen. Der Übergang von einem Medium in ein anderes wird vollzogen, wie der Wechsel von einem in einen anderen Aggregatzustand oder vom Analogen zum Digitalen.

Unsere gegenwärtige Kultur hat für das globale System der digitalen Speicherung die Metapher der Cloud erfunden. Keine Millisekunde vergeht, an dem nicht Daten in die Cloud geschickt, gespeichert und abgerufen werden. Obgleich die Cloud realiter von Milliarden von Kabeln, Satelliten und Servern abhängt, haftetet der Metapher etwas Übernatürliches, beinahe göttliches an, was den Glauben an den Fortschritt der Menschheit durch Technik seit den Anfängen der Industrialisierung nicht schmälert. So scheint die Optimierung des eigenen Körpers und Geistes mittels neuer Möglichkeiten aus der Cloud vorprogrammiert zu sein. Dass aber auch bei solcherart Grenzüberschreitung Verletzungen womöglich nicht ausbleiben, gemahnt das Kainsmal.

Text: Dr. Barbara Röhner