Glaukos – KI

Frank Schult »Glaukos – KI«, 2018

Frank Schult (geb. 1948)
»Glaukos – KI«, 2018,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 
190 x 170 cm, Besitz des Künstlers
/// The artists property, Celle

Die Gemälde von Frank Schult konfrontieren den Betrachter mit einer Fülle von erkenn- und interpretierbaren Motiven in nahezu absurder Kombination, aus der sich scheinbar keine einheitliche Handlung oder ein konkretes Thema entwickelt. Mit schnellem Pinselstrich auf der Malfläche niedergeschrieben, erscheint einiges sicher gesetzt, anderes scheint sich immer wieder zu verändern, wegzugleiten oder aufzutauchen. Farbflächen stabilisieren und strukturieren, binden alles kraftvoll zu einer in sich geschlossenen Bildeinheit zusammen, in der die Erregung des Malgestus pulsiert. Schults Werke zeichnen sich durch einen hohen gedanklichen Anspruch im Aufgreifen uralter Mythen und Zeichen aus. Sie werden aktiviert, um sich mit existentiellen Lebensfragen der Menschheit auseinanderzusetzen. Neue mythische Konstellationen und gedankliche Ansatzpunkte entstehen.

Dieses erstmals öffentlich gezeigte Gemälde greift zurück auf die mythische Gestalt des Glaukos (altgriech.: blauglänzend, leuchtend), eines Fischers, der seine geangelten Fische ans Ufer warf, wo sie durch die Berührung mit Wunderkräutern wieder lebendig wurden. Eine Legende berichtet, dass er diese Fische aß und daraufhin berauscht ins Meer sprang, wo er in eine Meeresgottheit verwandelt wurde. Mit der Gabe der Weissagung ausgestattet, suchte man bei seinem Orakel auf der Insel Delos sehr häufig Rat. Die Fischer verehrten ihn als einen freundlichen, milden, allen Schiffbrüchigen helfenden Gott.

Im Bild fischt eine große, etwas clownesk gekleidete Gestalt in einem sich aus der Bildtiefe ergießenden Fluss, dessen Wasser sich in seiner Nähe verdüstert. Fischt er im Trüben? Hat das ihm am anderen Ufer gegenüberstehende, aus technischen und anthropomorphen Elementen zusammengefügte Mischwesen etwas damit zu tun? Hinter Glaukos gemahnt ein antiker Tempel an das klassische humanistische Menschenideal. Den Gegenpart bildet ein entfesselt wirbelndes Kettenkarussell mit Uhr. Solche Gegenüberstellungen finden sich auch in dem Vogel und der ihn nahe schwebenden Drohne oder in dem Stumpf eines einstmals natürlich gewachsenen Baumes zu dem in der Nähe aufscheinenden, industriell gefertigten Zahnrades. Auch farblich stehen sich diese beiden Welten kontrastreich gegenüber. Dazwischen erscheint über den lebensspendenden Wassern des Flusses die Vision eines menschlichen Gehirns.

»Die verzwickte Situation des »Sehers«, des »Unsterblichen«, des »Milden« die Welt mitmachend zu gestalten, zu formen, macht ein Spannungsfeld für mich auf, um in der Jetztzeit die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Künstliche Intelligenz‘ als Arbeitsthema anzugehen. Vorahnung, Ungewissheit aber auch Hoffnung begleiten den Umgang mit der Zukunft des Menschen. Der denkende Mensch sucht von je her nach seiner Unsterblichkeit, nach einer Formel, die eine Art Eden für jedermann erstehen lässt. Immer ging aus solchem Streben jedoch ein wilder Geist – Spuk in den Köpfen herum, ein Karussell des Wahnsinns, die Welt als Exzenterscheibe, von der der Einzelne, wenn nicht von Göttern oder Despoten geduldet, ins Abseits geschleudert wird. Das Hirn des Menschen als Denkmaschine, jedoch anfällig gegen Verschleißerscheinungen. »Künstliche Intelligenz« – ein Gott unserer Zeit? Der Garten Eden? Kultstätten verändern sich ständig, die Suche nach dem Großen, dem Unbekannten, dem Unerklärlichen geht weiter.« (Frank Schult)


Text: Dr. Dietulf Sander