Gasmaske mit englischem Helm

gerhard kurt mueller gasmaske

Gerhard Kurt Müller (1926 – 2019)
»Gasmaske mit englischem Helm /// Gasmask and english helmet«, 1976
Holz gebeizt auf Metallsockel /// Wood stained on metal base, 28 x 63 x 28 cm, 
Gerhard-Kurt-Müller-Stiftung, Leipzig /// Gerhard-Kurt-Müller-Foundation, Leipzig

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 gilt als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« (George F. Kennan), er veränderte die politische Landkarte nicht nur Europas, er war der Nährboden für den aufkommenden Faschismus und Vorläufer des Zweiten Weltkrieges. Zu seiner Bilanz gehören neben ca. 10 Millionen toter bzw. ca. 20 Millionen verletzter Soldaten und ca. 6 Millionen ziviler Opfer, unfassbaren materiellen und kulturellen Zerstörungen auch grundlegende Umwälzungen des alltäglichen und gesellschaftlichen Lebens während des Krieges und vor allem nach Kriegsende.

Als erster industrialisierter, ‚moderner‘ Krieg der Weltgeschichte ist er im Gegensatz zu allen vorangegangenen Kriegen vorwiegend mit Distanzwaffen geführt worden. Wissenschaft und die Industrie revolutionierten gemeinsam die Waffentechnik durch völlig neue Waffensysteme wie Flugzeuge, Panzer, U-Boote, Maschinengewehr, Handgranate bzw. durch Tarnkleidung oder Stahlhelm. Die weitgehende Umstellung der Industrieproduktion auf Rüstungsproduktion führte zu Hungerzeiten und sozialer Not.

Es ist sicherlich der von allen kriegsbeteiligten Staaten geführte Gaskrieg, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Erschütternd prägnant erfasste Alice Lex-Nerlinger diese Zusammenhänge in ihrem Gemälde »Feldgrau schafft Dividende« (1931, Berlin, Nationalgalerie) aus der Rückschau an der Schwelle zum faschistischen 3. Reich und zugleich voll gültig im Hinblick auf den sich abzeichnenden Zweiten Weltkrieg. Von den Fabrikationsstätten mit ihrer neuartigen Massen- und Fließbandproduktion erstreckt sich ein ununterbrochener Strom von Panzern und anderen Kriegsmaterial hin zu einem toten Soldaten mit Gasmaske, der im Stacheldrahtverhau verendet ist. Ca. 112.000 Tonnen Giftgas unterschiedlichster Zusammensetzung wurden schätzungsweise von den Kriegsmächten insgesamt eingesetzt.

Gerhard Kurt Müllers Darstellung gibt in ihrer auf das Wesentliche reduzierten Formensprache eigentlich keinen menschlichen Kopf mit Gasmaske mehr wieder. Durch sie verliert der Mensch sein Gesicht, wird anonym. Bei Müller wird der Mensch vollends zu einem grotesken Wesen, in dem technische und kreatürliche Elemente verschmelzen. »Der Technikwahn des ‚Grande guerre‘ erfasste auch den Menschen, verkümmerte ihn in ein hominides Werkzeug: instrumentalisiert im schlimmsten Sinn des Wortes.« (Dieter Gleisberg) Die im Ersten Weltkrieg übliche Form der Gasmaske mit langem Schlauch wird bei Müller zu einer Art metallisch wirkender, langgezogener Tierschnauze mit gierig geöffnetem schwarzem Loch als Maul. Anstelle eines menschlichen Kopfes agiern hier nurmehr Gasmaske und Stahlhelm, der dem 1915 vom Ingenieur John Brodie entwickelten Mk 1-Helm (Brodie-Helm) angeglichen ist.

Dieses entmenschlichte Gasmaskengebilde durchzieht seither Gerhard Kurt Müllers Gesamtwerk, wofür hier stellvertretend das Gemälde »General und Tänzerin« (1981/82, Leipzig, Museum der bildenden Künste) genannt werden soll. »Die Gasmaske akzentuiert sich von früheren kultischen oder sozialen Markierungen ganz als ein Symbol des 20. Jahrhunderts. Der Mensch als Gasmaske sucht nicht nur Schutz vor einer vergifteten Welt, er hat diese auch selbst vergiftet.« (Helmut Richter)

»Die Toten sind Lebende. Sie bleiben am Leben, solange an sie erinnert wird. Lässt dieser Strom nach, beginnt ihr wirkliches Sterben« mahnte der Künstler. Dieses Gedenken ist ähnlich wie bei Bernhard Heisig ein zentrales Anliegen seines Gesamtwerkes. Für beide bietet die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit, das eigene Kriegstrauma des Zweiten Weltkrieges, das eigene Täter- und Opfer-Sein aufzuarbeiten. Für beide waren literarische Werke nie versiegende Quellen: Ludwig Renns Roman »Krieg« (1928) für Bernhard Heisig, Henri Barbusses »Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft« (1916) für Gerhard Kurt Müller, dessen Gasmaskengebilde u.a. kongeniales Motiv zahlreicher Werke zu Alfred Jarrys 1896 uraufgeführtem Theaterstück »König Ubu« ist, um diese machtbesessen-tyrannische Figur zu charakterisieren.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Dieter Gleisberg, Gegen die Vergeßlichkeit und das Vergessenwerden. In: La Grande Guerre. Werke von Gerhard Kurt Müller zu Henri Barbusse »Das Feuer«, Göpfersdorfer Kunstblätter 3, 2010, S. 7 – 15, hier S. 11 bzw. Müller-Zitat S. 15.
Helmut Richter, General und Tänzerin. In: Gerhard Kurt Müller & Zeitgenossen. Man darf sich nichts erlassen, hrsg. von Peter Gosse und Manfred Jendryschik, 2011, S. 39 und 41, hier S. 39.