Flößers Weg nach Kapernaum

Ulf Puder Floessers Weg nach Kapernaum

Ulf Puder (geb. 1958)
»Flößers Weg nach Kapernaum
/// Raftsmans way to kapernaum«, 1995,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 9-teilig im Block
/// 9 parts in the block, je 50 x 40 cm, MdbK Leipzig

Man stelle sich vor, dass die sich ankündigende Klimakatastrophe bereist eingetreten sei und durch die schmelzenden Polkappen der Wasserspiegel sich in der prognostizierten Weise gehoben und die Erdteile unter Wasser gesetzt hat. Die Zivilisation stände durch den Zusammenbruch unserer derzeitigen Industrie und Technik vor einem ebenso individuellen wie gesellschaftlichen Abgrund. Die Menschen müssten sich auf uralte Überlebensstrategien besinnen und völlig neue entwickeln. Die natürliche menschliche Intelligenz mit ihrer unerschöpflichen Kreativität und Phantasie wäre gefragt, z.B. bei der Suche nach Hilfsmitteln, um – gewissermaßen nach einer diesmal selbstverschuldeten Sintflut – über die Wasser zu gelangen.

Solche Szenearien könnten Besuchern angesichts dieses neunteiligen Werkes von Ulf Puder, einem der bekanntesten Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, spontan durch den Kopf gehen. Aber die Flößer-Werkgruppe greift wesentlich weiter und tiefgründiger. In »Flößers Korrektur«, einer fiktiven Beobachtung, schreibt der Künstler: »Die Theorie von der globalen Verknüpfung allen Geschehens zu komplexem Vorausdenken trotz einer Vielzahl unbekannter Größen: Ein Großteil des globalen Geschehens ist heute Resultat menschlicher Einflussnahme. Versteht man die Summe aller Einflussnahmen als Ergebnisspirale, so ist der Ausgangspunkt eines jeden Denkens und Handelns nicht nur wesentlich in der Reflektion des Umfeldes begründet, sondern basiert auf zwingender Einflussnahme als Folge aller übrigen Ereignisse. Hier stünde wohl die Frage der Verantwortungs- bzw. Rechenschaftsfähigkeit in Bezug auf individuelles Denken und Handeln. Ein schöner Gedanke, würde da nicht das eingeschobene Quäntchen an persönlicher Schlussfolge jedes Individuum in die Verantwortung nehmen.« Die von ihm geschaffene Kunstfigur des Flößers »steht für ein Experiment in Hinblick auf die individuelle Verarbeitung zwischen den Ereignissen und Erkenntnissen vom Jetzt und Heute einerseits und Gabe und Last menschlicher Eigenschaftlichkeit andererseits.« In der vielgestaltigen Werkgruppe aus Gemälden, Papierarbeiten und Plastiken werden unterschiedliche Experimente und Expeditionen des Flößers durchgespielt. Hier sucht dieser nach neuen, flexiblen Fortbewegungsmöglichkeiten. Puder führt diese Untersuchungen immer wieder ad absurdum.

Der Bildtitel verweist auf das Johannes- und das Matthäus-Evangelium. Auf ihrer Bootsfahrt über den See Genezareth nach Kapernaum sehen die Jünger Jesus auf den Wassern wandelnd sich ihnen nähernd und fürchten sich. Auch Petrus gelingt dieses Wunder kurzzeitig, bis er den Glauben an sich selbst verliert und untergeht. Diese neun Tafel fassen die Versuche des Flößers, über das Wasser zu laufen und damit Gott zu gleichen zusammen.

»Die Mehrteiligkeit des Bildes mit der ständig ihre Bewegungsrichtung ändernden Figur des Flößers erzeugt, im ganzen betrachtet, den Eindruck größter Konfusion. Hier scheint jemand völlig verwirrt hin- und herzueilen, ohne jemals ans Ziel zu kommen und ohne daß seine diversen Laufhilfen zu irgendeinem brauchbaren Ergebnis führen.

Puder hat hier ein Paradigma des orientierungslosen Menschen in all seiner Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit geschaffen. (…) es ist, (…), die Tragik der menschlichen Beschränktheit zu spüren, der zugleich verzweifelte und lächerliche Versuch eines Menschen, diese Beschränktheit zu überwinden, der natürlich scheitern muß, da der Mensch eben nicht Gott ist.« (Dagmar Schröder)

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Zitiert nach Ulf Puder: Flößers Korrektur, bzw. Dagmar Schröder: Nachwort. In: Flößersweg nach Kapernaum (Flößer Trilogie. Zweiter Teil, Frankfurt/M. 1999, S. 2 bzw. 55- 65, hier S. 60.

Ulf Puder (geb. 1958)
»Havarie /// Damage«, 2003,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 140 x 120 cm,
Leipzig, Kunstsammlung der Sparkasse Leipzig