Die Grubenarbeiterinnen

Meunier Constantin Die Grubenarbeiterinnen 1889

Constantin Meunier (1831 – 1905)
»Die Grubenarbeiterinnen /// Female pit workers«,
1889, Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 240,5 x 160 cm, MdbK Leipzig,
Inv.-Nr. G 848. Erworben 1906 von den Meunierschen Erben,
Brüssel, aus Mitteln der Theobald-Petschke-Stiftung, Leipzig

Hatte Constantin Meunier zunächst als Maler von Werken vornehmlich religiöser Thematik begonnen, so wandte er sich ab 1857 entschieden dem Realismus zu und ab 1880 der Darstellung des arbeitenden Menschen. Seine bei aller Wahrhaftigkeit auch idealisierenden Darstellungen vorrangig aus dem Borinage, dem belgischen Kohlenrevier in der Provinz Hennegau in Wallonien, sind deutlichster Ausdruck seines Wunsches nach einer individuellen Malerei, die sich mehr an die Massen, an das Volk wendet. Im 19. Jahrhundert gehörte Belgien mit seinen Zentren der Eisenverarbeitung und der Kohleförderung nach England zu den am stärksten industrialisierten Ländern Europas. Enormer wirtschaftlicher Prosperität stand ein starkes soziales Gefälle gegenüber, das zur Verproletarisierung ganzer Bevölkerungsschichten führte. Es waren die Bergarbeiter, die am radikalsten und hartnäckigsten gegen die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen aufbegehrten. 1885 wurde die Belgische Arbeiterpartei (POB) gegründet.

Den entscheidenden künstlerischen Wandel vollzog Meunier 1877/78 nach einem Besuch des Lütticher Industriegebietes und 1881 erstmals im Borinage. Die Schwere des 12-Stunden-Arbeitstages, die armseligen Lebensbedingungen beeindruckten nahezu gleichzeitig auch Vincent van Gogh, der 1879/80 im Borinage als Hilfsprediger wirkte: »Nicht gleichgültig ist mir, daß Meunier (…), die Grubenarbeiterinnen des Borinage gemalt hat und die Bergleute, die zur Grube gehen, und die Hüttenwerke, ihre roten Dächer und schwarzen Schornsteine gegen einen feinen grauen Himmel – lauter Dinge, die zu malen ich geträumt habe, weil ich fühlte, daß das noch nicht gemacht worden war und dass es gemacht werden müsse«, schrieb er an seinen Bruder Theo. Im Leipziger Bild griff Meunier ein damals selteneres Sujet auf, Frauen bei der industriellen Arbeit. Ihr Anteil an der Schwerstarbeit im Bergbau war damals sehr hoch. Er zeigt sie vor Arbeitsbeginn auf der Bühne eines Förderturms. Bei aller Typisierung als Arbeiterinnen wirken beide Frauen sehr individualisiert, denn er porträtierte in ihnen seine beiden Töchter. In ihrer männlich erscheinenden Arbeitskleidung wirken beide kraftvoll, konzentriert und erfüllt von der ihnen bevorstehenden Arbeit. Meunier überhöht und monumentalisiert sie, stellt sie vor die weiträumige Landschaft, deren Atmosphäre er überzeugend mit postimpressionistischen Stilmitteln als natürlichen, industieell geprägten Erlebnisraum erfasst.

Das Leipziger Museum besitzt von Meunier zu seinem Generalthema ‚Arbeit‘ weiterhin drei Zeichnungen, eine Graphik, die Bronzeplastiken »Kopf eines Puddlers« (1895) und »Anvers (Büste eines Lastträgers)« (vor 1897) sowie eine Plakette mit dem Profil eines Bergmannes.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Martin Franke, Constantin Meunier (1831-1905). In: information.

Museum der bildenden Künste Leipzig, 2/3 81, S. 15-18.