Die Auswanderer

Hubert von Herkomer "Die Auswanderer"

Hubert von Herkomer (1849 – 1914)
»Die Auswanderer (Drang nach Westen) /// The emigrant-westward«,
1884, Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 143 x 215 cm, MdbK Leipzig,
Inv.-Nr. G 713. Erworben 1894 aus der Secessions-Ausstellung in München,
aus Mitteln der Theobald-Petschke-Stiftung, Leipzig

Im 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der Menschen, die in Erwartung eines besseren wirtschaftlichen und freiheitlichen Lebens aus den deutschen Kleinstaaten vor allem in ost- und südosteuropäische Länder sowie in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierten. Zur Massenauswanderung aus dem deutschsprachigen Raum kam es im 19. Jahrhundert. Sie verlief im Wesentlichen in drei Phasen. Auf Grund der durch extreme Klimabedingungen ausgelösten Missernten kam es um 1816/17 zu einer ersten Auswanderungswelle.

Der Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat, der in Deutschland um 1830 einen Höhepunkt fand, zog enormen Wirtschaftsaufschwung wie auch Krisen und damit verbunden gravierende soziale Missstände nach sich. Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung verstärkten die zunehmende, strukturell bedingte Armut (Pauperismus) weiter Bevölkerungskreise. Diese Bedingungen lösten zwischen 1845 und 1865 dann die größte Massenemigrationsbewegung in Deutschland aus, die hauptsächlich nach Amerika bzw. auf den amerikanischen Kontinent drängte. Zwischen 1820 und 1928 sollen es ca. 5,9 Millionen gewesen sein, davon gingen ca. 5.3 Millionen nach Amerika. Nicht zuletzt war es der 1848 ausgelöste Kalifornische Goldrausch, der die Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg nährte. Dies wiederum führte zur Vertreibung und Ausrottung der dort lebenden indigenen Völker.

Eine weitere wesentliche Ursache lag in der restaurativen Politik der sogen. Metternich Ära bzw. als Vormärz (künstlerisch als Biedermeier) benannten Zeitspanne nach den Befreiungskriegen und ihrer gegen den aufkommenden Nationalismus, Liberalismus und Sozialismus gerichteten Verfolgungs- und Unterdrückungspolitik. Auch der liberal eingestellte Vater Herkomers verließ 1851 mit seiner Familie vor allem aus diesem Grund seine bayerische Heimat und ließ sich in Cleveland/Ohio nieder, wo die Herkomers in ärmlichen Verhältnissen lebten.

Nach England zurückgekehrt, unternahm er 1882/83 erneut eine Amerikareise. In New York erlebte er die Ankunft der erschöpften Auswanderer aus Europa. Eine Erfahrung, die er zuvor ja selbst erlebt hatte. Angeregt von diesem aktuellen Eindruck griff der Künstler auf eigene Erfahrungen als Kind zurück, die er in seinen Memoiren beschrieb und schuf noch während seines Amerikaaufenthaltes dieses Gemälde, das er 1884 vollendete.

Suggestiv wird der Betrachter in den Freiraum inmitten der gedrängt lagernden Menschengruppe hineingezogen, wird der Blick durch vielgestaltige kompositorische Leitlinien, Farb- und Lichtregie zwischen aussageintensiver Detailfülle und Gruppenbildungen gelenkt, um verschiedene Grade ihrer körperlichen und seelischen Erschöpfung gefühlvoll zum Ausdruck zu bringen. In der Figur des weißbärtigen Mannes ist der Vater des Künstlers, Lorenz Herkomer, erkennbar. Seine zweite Frau, Lulu Griffiths, saß für die im Bildvordergrund liegende junge Mutter Modell (nach Lee MacCormick Edwards).

Darstellungen von Auswanderern in den unterschiedlichsten Momenten zwischen Abschiednehmen in der alten Heimat und Ankunft in der Neuen Welt oder ihren ersten Schritten ins neue Leben sind seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhundert in vielen europäischen Ländern zahlreich entstanden. Herkomers Darstellung ist eines der damals sehr bekannt gewordenen Werke, in der die Notlage der ankommenden Auswanderer realitätsnah, wenn auch zeitgemäß leicht sentimental gestaltet wurde. Die Szene spielt sich in der ehemaligen Festung an der Spitze Manhattans (heute Castle Clinton National Monument) ab, die zwischen 1855 und 1890 vom Bundesstaat New York als Empfangsstation der europäischen Auswanderer diente. Ihren Ausgang nahmen diese Seereisen, die mit dem Dampfschiff ca. acht Tage dauerten, in Deutschland überwiegend in Hamburg, Bremen und Bremerhaven, wo 1850 ein Auswandererhaus eröffnet wurde. Das Geschäft mit den Ausreisewilligen war inzwischen in der Hand professionell betriebener Auswanderungsagenturen, von dem auch die deutschen Schifffahrtslinien inzwischen wirtschaftlich profitierten.

Als Eisenbahnknotenpunkt wurde Leipzig zu einem wichtigen Sammel- und Ausgangspunkt für Ausreisewillige zumeist aus Bayern, Böhmen, Österreich oder Ungarn. In Leipzig gab es mehrere Agenturen, deren nicht immer vertrauenswürdiges Geschäftsmodell von der Flut Ausreisewilliger profitierte, z.B. das »Central-Bureau für Auswanderer in Leipzig« von Joh. Ernst Weigel. Die genaue Anzahl ausgewanderter Leipziger ist nicht bekannt (Katrin Löffler). 1837 begab sich Friedrich Gerstäcker von Leipzig aus nach Nordamerika und schrieb nach seiner Rückkehr das autobiographisch basierte Buch »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten (1844) und weitere Bände, die das damalige Bild von Amerika prägten.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Katrin Löffler: Leipzig und die Auswanderung im 19. Jahrhundert. In: Leipziger Blätter 69/2016, S. 9-13.
Lee MacCormick Edwards: Hubert Herkomer in Amerika. In Ausst.-Kat.: Mansel Lewis & Hubert Herkomer. Wales – England – Bavaria, Neues Stadtmuseum Landsberg. Kunstgeschichtliches aus Landsberg a. Lech. Beiträge zur Kunstgeschichte und Volkskunde, Nr. 22, o.J. (1999), S. 107-111.