Der Maschinenmensch

Elisabeth Voigt Maschinenmenschensch

Elisabeth Voigt (1893 – 1977)
»Der Maschinenmensch (Der Unternehmer) /// The machina-man (the entrepreneur)«,
1948 (nach Vorarbeit /// after preparation 1932/36)
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 90,5 x 70,5 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. G 2617. Erworben 1979 aus Leipziger Privatbesitz

Die Darstellung eines grotesken Mischwesens aus Maschinenteilen und menschlichem Organismus findet in der zeitgenössischen bildenden Kunst, in der Literatur und in Filmen zahlreiche Entsprechungen. Erinnert sei an die futuristische Großstadt mit ausgeprägter Zweiklassengesellschaft in Fritz Langs Film »Metropolis« (1925/26), den dort gezeigten Maschinensaal, in dem Menschen roboterhaft im Gleichtakt arbeiten oder an die Gestalt der Maschinen-Maria, gewissermaßen eine frühe Variante unserer heutigen Vorstellung des Cyborgs, ein vielgestaltiges Motiv heutiger künstlerischer Werke der verschiedensten Gattungen. Dahinter steht die jeweils zeittypische Vorstellung, beispielweise bei den Futuristen, dass die technische Revolution die bestimmende Rolle für die dynamisch fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung spielt und damit auch grundlegend die Menschen verändert. Der Ingenieur wurde damals zur Verkörperung des modernen Menschen – der Mensch als Beherrscher und Lenker der Technik. Andererseits wurden solche Wesen auch aufgenommen in die gesellschaftskritische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, u.a. in Collagen John Heartfields, den gespenstischen Prothesen tragenden Kriegskrüppeln bei Otto Dix bis hin zu Oskar Schlemmers Kostümen für das »Triadische Ballett«.

Das Bildmotiv entwickelte Elisabeth Voigt wohl ab 1930 über eine Collage, einen dazu seitenverkehrt angelegten Holzschnitt (1930) und das ihm darin entsprechende Gemälde (datiert 1948). Die Beschriftung der Collage verweist auf die Uraufführung von Alfred Döblins Szenenfolge »Die Ehe«, die am 2. Dezember 1930 im Alten Theater in Leipzig stattfand. Im Rahmen der damaligen experimentierfreudigen Programmgestaltung des Theaters wurden auch Ernst Tollers »Maschinenstürmer« aufgeführt. Döblins Stück bestand aus drei Szenen: »Die junge Ehe«, »Die große Familie«, beides proletarische Szenen), und »Die Ehe der Bourgeoisie«. »Das Stück stellt in einem Querschnitt das Verhältnis der heutigen Wirtschaft zu den menschlichen Formen der Ehe und der Familie dar. Das Stück demontiert: die heutige Wirtschaft, wirkt zerstörend und auflösend auf die alte Ehe und Familie, vermag aber von sich aus die menschlichen Beziehungen nicht neu zu regeln und zu ordnen, ihr sind diese menschlichen Beziehungen gleichgültig.« (zitiert aus »Anweisung« in der Buchausgabe von 1929. Zur Bühnengestaltung gehörten weder Dekorationen noch Requisiten, aber Musik und Projektionsbilder. Mit diesen wurde Elisabeth Voigt beauftragt. Von Döblin gab es dafür ganz konkrete Forderungen. Im Begleittext zur dritten Szene »Der Unternehmer« heißt es dazu: »(…) ein Aufbau oder Projektion, Schornstein auf dem Kopf, Schreibmaschine und Telefondrähte aus den Händen, eine Fabrikfront als Brust, die Augen viereckige helle Fenster«.

Im Gemälde, dessen tatsächliche Entstehungszeit nicht eindeutig zu ermitteln ist, wird trotz der hinzugekommenen Farbe durch den formalen Abstraktionsgrad das Inhumane des zur Maschine gewordenen Menschen besonders deutlich.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Susanne Heiland: Zu einer Neuerwerbung von Elisabeth Voigt. In: information 2/80. Museum der bildenden Künste 1980, S. 10-12.