Das Leben eines Arbeiters

Fritz Nolde (1904 – 1980)
»Das Leben eines Arbeiters /// A workers life«,
1934 (6 Blätter /// 6 Sheets), Pinsel in Tusche auf Papier
unterschiedliche Maße, größtes: /// Brush in ink on paper,
different dimensions, largest: 22,2 x 15,7 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. Gr.-Slg. 1975-65 a-f. Erworben 1975 vom Künstler, Potsdam

Zyklus von 6 Pinselzeichnungen

  1. Kellerwohnung (Pinsel in Tusche; 17,5 x 15 cm)
  2. Bauarbeiter (Pinsel in Tusche über Bleistift; 22,2 x 15,6 cm)
  3. Arbeitsamt (Pinsel in Tusche; 17,3 x 15,7, cm)
  4. Parteisitzung (Pinsel in Tusche über Bleistift; 19,2 x 15 cm)
  5. Gefängnis (Pinsel in Tusche über Bleistift; 22,5 x 15,7 cm)
  6. Tod (Pinsel in Tusche über Bleistift; 20,9 x 16,2 cm

In der Blattfolge, entstanden während einer Gefängnishaft, zeichnete Fritz Nolde den Entwicklungsweg eines Arbeiters zum klassenbewussten Kämpfer nach, so wie er ihn durch seinen engen Kontakt zur Leipziger Arbeiterschaft sicher mehrfach kennengelernt hatte und hier durchaus idealtypisch gestaltete. Diesem Milieu entstammte er, Autobiographisches floss in Form des ‚Selbsterlebten‘ in einzelne Szenen ein.

Die Art der zyklischen Bilderzählung ist durch Frans Masereels Bildromane beeinflusst worden, die Leipziger Künstlern durch zwei Ausstellungen von 1927 und 1930 vertraut waren. Zu einigen Blättern aus Masereels Zyklus Die Passion des Menschen« (1918; deutsche Volksausgabe 1924) bestehen enge formale Beziehungen. Die linolschnittartige Wirkung der Nolde-Blätter mit ihrem kontrastreichen Schwarz-Weiß, den stegartigen Pinselstrichen, die Figuren und Gegenstände knapp umreißen oder als Binnenzeichnung grob Körperlichkeit andeuten, sowie die insgesamt flächige Anlage kennzeichnen den stilistischen Bezug zu Masereel.  

Steht dieser Zyklus von Nolde als Ganzes im Werkbestand der Leipziger ASSO auch vereinzelt dar, so gibt es zu einigen Motiven inhaltlich und in der anteilnehmenden sozialen Aussage durchaus sehr vergleichbare Arbeiten u.a. von Alfred Frank. Karl Nolde, Karl Wernicke oder Gerhard Bettermann, darunter dessen Gemälde „Arbeitsloser in der Dachkammer“ (1931, Leipzig, Museum der bildenden Künste), welches zeitgleich in der 1. Großen Leipziger Kunstausstellung zu sehen war. Hunger, schwere körperliche Arbeit, Arbeitslosigkeit, Gefangenschaft, Streik oder Tod – das alles waren Themen, die bereits in den 1920er Jahren, im Jahrzehnt nach dem 1. Weltkrieg auch von namhaften Künstlern in Literatur, Theater, Film usw. aufgegriffen und sowohl in vielfältiger stilistischer als auch inhaltlicher Aussage zwischen sozialer Milieuschilderung und parteipolitischer Kampfansage gestaltet wurden. Erinnert sei an Künstler wie Hans Baluschek, Käthe Kollwitz und Otto Nagel oder an zwei Werke sächsischer Künstler aus der Dresdner ASSO-Gruppe: Otto Griebels »Die Internationale« (1929/30, Berlin, Deutsches Historisches Museum) und »Hungermarsch (Café Republik)« (1932; Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister) von Hans Grundig.

Text: Dr. Dietulf Sander