Das ist der Preis

Ines Bruhn / Martin Kretschmar »Das ist der Preis 1-12

Ines Bruhn (geb. 1959)
Martin Kretschmar (geb. 1988)

»Das ist der Preis /// This is the price«, 2018,
PLA weiß, Papier, textiler Faden /// PLA white, paper, textile thread,
je 33 x 23,5 x 8 cm (Rahmenmaß /// Frame dimensions),
Besitz der Künstler*in /// The artists property, Chemnitz

Das 12-teilige Werk »Das ist der Preis« konfrontiert den Betrachter mit 12 Schädeldecken auf denen sich reliefartig eingewachsene Barcodes erheben. Der Eindruck von seriellen gleichförmigen Sammlungsstücken für wissenschaftliche Zwecke oder gar von Trophäen drängt sich auf. Trophäen einer Konsumkultur, die auf Gewinnmaximierung und damit einhergehendes permanentes Wachstum setzt.

Tatsächlich bezieht sich die Arbeit »Das ist der Preis« auf die Konsumkritik des polnisch-englischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman.

Insbesondere in seinem Essay »Leben als Konsum« wird die Eigenvermarktung des Menschen in sozialen Netzwerken kritisiert. Das, was sich sozial bezeichnet, sei in Wirklichkeit nur auf die Selbstdarstellung innerhalb der Konsumgesellschaft orientiert. Obgleich sich der Mensch mithin als exklusive Ware anpreist, gehöre er doch zur großen Masse derer mit gleichartigen Bedürfnissen. Das Bedürfnis nach Selbstvermarktung und Konsum gründet nicht zuletzt auf den Anfängen der Industrialisierung, welche bereits Karl Marx in seinem 1867 verfassten Werk »Das Kapital« durch die Kritik am Warenfetisch ins Visier nahm. Dieser bezeichnete Warenfetischismus als quasireligiöses dingliches Verhältnis des Menschen zu Produkten mit einer falschen Vorstellung des vom Menschen unabhängig existierenden ökonomischen Werts und ökonomischer Gesetze. Waren, Geld und Kapital als höchstes Ziel würden die Menschen folglich zu Sklaven machen.

Rund 100 Jahre später veröffentlichte Wolfgang Fritz Haug seine »Kritik der Warenästhetik«. Anknüpfend an Marx’ Ausführungen hob dieser den Scheincharakter der Produktästhetik in der Massenproduktion hervor. Verpackungen, Arrangements auf den Auslagen der Verkaufsfläche und schmeichelnde Präsentationen würden etwas Versprechen, welches das Produkt im Gebrauch nicht halten könne. Zum schönen Schein gesellen sich Aufmerksamkeitsattitüden, welche wiederum zum Konsens der Konsumgesellschaft gehören. Daran hat sich bis heute, fast 50 Jahre nach Haugs und mehr als 150 Jahre nach Marx’ Schriften kaum etwas geändert, auch wenn Aufmerksamkeitsgerangel und Traumversprechen mehr und mehr digital stattfinden.

»Der Zwang, konsumieren zu müssen, versklavt und degradiert die Menschen. Sie werden im Endeffekt selbst zur Ware. Dabei ist die allgegenwärtige Überwachung sehr hilfreich. Am besten, jeder hat seinen Barcode bereits implantiert oder ist mit diesem verwachsen. Das gleichförmige Heer der Konsumenten hält das Wachstum am Leben. Ein disqualifizierter Konsument wird dagegen sofort als nutzlos erkannt«, merken Ines Bruhn und Martin Kretschmar zu ihrer Arbeit an und zitieren damit Zymunt Bauman.

Das Bargeldlose bezahlen per Handy ist in etlichen Ländern bereits zum Standard geworden. Selbst Chip-Implantate für bequemeren Einkauf, als Ersatz für Haustürschlüssel, zur Passwortspeicherung, als digitale Visitenkarte oder für persönlichkeitsbezogene Werbung samt Buchungsfunktionen erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit. Private Aufzeichnungen durch Handys, Staubsaugerroboter oder cloudbasierte virtuelle Assistenten generieren einen virtuellen Zwilling, der wiederum Literatur-, Film- und Musikvorschläge oder individuell zugeschnittene Werbung einblendet. Was einerseits als angenehm und arbeitserleichternd empfunden wird, kann andererseits für gezielte Manipulation und Überwachung verwendet werden. Die totale Überwachung ist mancherorts bereits zur Realität geworden. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang nur auf das Social Credit System in China, welches durch Gesichtserkennungssysteme und Big-Data-Analysetechnologie sämtliches Fehlverhalten mit Punkteabzügen öffentlich sanktioniert. Wer auf die schwarze Liste gelangt, sei es wegen betrügerischen finanziellen Verhaltens, Verstößen gegen die Verkehrsordnung oder auch aufgrund von zu lautem Musizieren oder Essen im Eilgang, muss mit negativen Auswirkung im Beruf, Freizeit und Gesundheitssystem rechnen. Auch Angehörige und selbst die eigenen Kinder sind von repressiven Maßnahmen betroffen. Während Befürworter dieses Kreditsystems dadurch die Regulierung sozialen Verhaltens gewährleistet sehen, geben Kritiker massive Eingriffe auf die Privatsphäre und Verletzung der Menschenwürde zu bedenken.

Text: Dr. Barbara Röhner

Literaturnachweis:
Zygmunt Bauman: Leben als Konsum, Hamburg 2009
Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik, Frankfurt (a. Main), 1971
Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, in: Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 23, S. 11-802, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1962