Brücke in Plagwitz

Thiele-Günter-Brücke-in-Plagwitz-1969

Günter Thiele (geb. 1930)
»Brücke in Plagwitz /// Bridge in Plagwitz«,
1969, Mischtechnik auf Leinwand /// Mixed technique on canvas,
99,5 x 119 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. G 2250. Erworben 1972 durch Übereignung des Rates der Stadt Leipzig

Nach 1945 entwickelte sich das Architekturbild zu einem lokalspezifischen und zentralen Sujet der Leipziger Kunst. Kaum einer der hier lebenden Künstler konnte sich der Auseinandersetzung mit dem lokalen großstädtischen Lebensraum gänzlich entziehen. Der fokussierende Blick auf dessen wechselvollen Zustand transportierte vielschichtige Stimmungen und Gefühle zwischen enger Verbundenheit und kritischer Distanz. Stadtlandschaften Leipziger Provenienz sind sensible Reflektionen über den Zustand der Gesellschaft, das Verhältnis der Menschen zueinander und zu ihrem Lebensumfeld. Sie haben zur Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt einen wesentlichen Teil beigetragen.

Günter Thieles sehr bekannt gewordenes Bild der 1862 in Ziegelbauweise als dreifeldrige Kreisgewölbebrücke errichteten König-Johann-Brücke ist typisch für die scheinbar vordergründige Ausrichtung vieler Leipziger Architekturbilder auf topografische Genauigkeit im Erfassen der jeweiligen lokalen Gegebenheiten, jedoch sind es vielmehr malerisch-stimmungsvoll verdichtete oder durch Formverfestigung und zeichnerische Präzision auf das Wesentliche und Charakteristische konzentrierte Arbeiten von hohem Wiedererkennungs- und Identifikationswert. Häuser, Straßenzüge und Stadtteile achtet man als Individuen, in deren äußerer Erscheinung sich Spuren vergangenen und gegenwärtigen Lebens tief eingegraben haben und die damit zu Zeugen des über Generationen hinweg fortdauernden menschlichen Lebens sind.

Thieles Vorliebe gilt der urbanen Welt der menschenbelebten Straße in ihrem stimmungsvollen alltäglichen Erscheinungsbild: Die Straße als Bewegungs- und Erlebnisraum. Die strenge Bildarchitektur und der glatte, Spuren des Malprozesses unterdrückende Farbauftrag werden bestimmt vom Streben nach Ordnung, Klarheit und Harmonie.

Bereits die Künstler der Leipziger ASSO-Gruppe um Alfred Frank haben diese Brücke in den 1920er/30er Jahren oft dargestellt und bis in die Gegenwart hinein ist sie ein wiederkehrendes Motiv, gelegen im Grenzgebiet zwischen den Stadtteilen Plagwitz und Schleußig.

1854 erwarb der Unternehmer Carl (Karl) Heine (1819 – 1888) Güter und Grundstücke des beschaulichen Gassendorfes Plagwitz im Südwesten Leipzigs. 1856 begann mit der Anlage eines Kanals (Karl-Heine-Kanal) der schrittweise Ausbau Plagwitz‘ zum modernen Industriezentrum. Der 1873 eröffneten Eisenbahnlinie Leipzig-Zeitz folgte ein logistisch klar gegliedertes Netz von 37 Industriegleisanschlüssen oder öffentlich zugänglichen Ladestationen, die die zahlreichen Fabriken unmittelbar mit dem nationalen Schienennetz der Staatsbahnen verbanden. Im Gemälde sieht man rechts jenen Brückenbogen, durch den das Industriegleis P VIII hindurchführte. Es berührte jenen im Hintergrund sichtbaren Industriekomplex, der 1875 als Sächsische Wollgarnfabrik Tittel & Krüger errichtet (später Teil des VEB Buntgarnwerke Leipzig) und ausgebaut wurde, so dass es heute als Europas größter Gebäudekomplex der Gründerzeit gilt und wegen seiner prachtvollen Fabrikarchitektur gerühmt wird.

Durch die Realisierung seiner umfassenden Bebauungs- und Industrialisierungspläne wurde der sächsische Gutsherr, Rechtsanwalt, Unternehmer und Politiker Carl Heine zu einen der führenden Industriepioniere, der das Gesicht der inneren Westvorstadt von Plagwitz und Schleußig grundlegend prägte und dessen Vorstellungen zur Gestaltung moderner Industrieanlagen in Verbindung mit großstädtischer Wohn- und Geschäftskomplexen damals neue Maßstäbe setzten.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Dietulf Sander und Constanze Treuner: Gesichter einer entthronten Metropole – Leipziger Stadtlandschaften. In Ausst.-Kat.: 60 / 40 / 20. Kunst in Leipzig seit 1949, Museum der bildenden Künste Leipzig / Kunsthalle der Sparkasse Leipzig 2010, S. 280-284.