Brigade I

Brigade I, 1989

Norbert Wagenbrett (geb. 1954)
»Brigade I /// Team I«, 1989,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 157 x 147 cm, 
Land Sachsen-Anhalt, Landesverwaltungsamt, Halle/Saale

»Ich fühle mich als Vertreter einer Kunstauffassung, die sich um realistische, der Wirklichkeit entsprechende Formulierung bemüht. (…) Das bedeutet für mich, dass ich für die Erarbeitung meiner Menschenbilder, also auch Porträts der Arbeiter, nicht nur das Mittel der Ähnlichkeitsnachahmung verwenden darf, sondern Intuition, Erfahrung, Talent und handwerkliches Können werden zur eigentlichen Voraussetzung meiner Arbeit. Damit wäre der Rahmen der positivistischen Naturalismen gesprengt und auf tut sich die Möglichkeit zu differenzierter Ausdrucksweise.« Norbert Wagenbrett schrieb diese Gedanken zu seinem zweiten von drei Brigadebildern, die er im Auftrag des VEB Leuna-Werke »Walter Ulbricht« schuf. Für den Künstler ist das Porträtieren von Menschen ein inneres Anliegen, und so hat Norbert Wagenbrett, gewissermaßen ein Menschen-Suchender, über Jahrzehnte bereits eine in vielerlei Hinsicht sehr differenzierte Porträtgalerie seiner Zeitgenossen geschaffen, von der er sich wünscht, dass sie als ‚Gesellschaftsbilder‘ angenommen werden. Als Bildnis-Maler erfüllt er nicht unbedingt die zunächst sicher verständlichen Erwartungen der Dargestellten nach einer möglichst schmeichelhaften Darstellung, sondern nimmt sich die Freiheit, in der Begegnung mit seinen Modellen hinter dem Äußeren nach dem Wesen zu suchen. Seine Sicht auf sie formuliert er in Bildnissen von suggestiver Intensität.

Die vier Porträtierten hatte der Künstler selbst aus verschiedenen Bereichen des Rechenzentrums der Leuna-Werke ausgewählt. Der Gemäldetitel ist neutral, gibt ihre Identität nicht preis. Aber dem Künstler sind diese Menschen und ihr Umfeld vertraut gewesen, hatte er doch viele Jahre lang im Leuna-Werk einen Malzirkel geleitet. Die Personen wirken in der Konfrontation mit dem Maler bzw. Betrachter ungelenk, ziehen sich instinktiv in sich zurück. Es ist ein geradezu statuarisches Gruppenbild, zu dem der Künstler die Dargestellten zusammenfügt. Jede Person steht frontal, wie isoliert, für sich, Blickkontakte oder Gesten untereinander fehlen. Von bewusst überzeichnender Direktheit sind die plastisch geformten Hände und Gesichter mit betonten Augenpartien. Sie sprechen, über sie werden Individualitäten sichtbar. Der ihnen vom Künstler zugeordnete Raum ist auf ein zweidimensionales Mindestmaß reduziert, der Computerarbeitstisch oder das Magnetband wirken in altmeisterlicher Weise attributiv, hart zwischen sie gedrängt. Wagenbretts Brigade-Darstellung erfüllte Ende der 1980er Jahre keine der kulturpolitischen Ansprüche an dieses in der DDR-Kunst vielgestaltete, zwischen ideologischer Parteilichkeit und persönlich engagierter Zuwendung changierende Genre der Gruppen- oder Brigadebilder mehr.

Zum Thema Digitalisierung präsentierte in der X. Kunstausstellung der DDR, der letzten der seit 1946 in Dresden stattfindenden Überblicksausstellungen, neben dem erstmals beteiligten Norbert Wagenbrett der Berliner Martin Hoffmann ein großformatiges Sepiaaquarell »Programmierung«(1986/87), das menschenleere Interieur eines mit Rechnern und Computern auf Arbeitstischen gefüllten Saales darstellend. Zuvor hatte Fritz Eiselt bereits Arbeitsszenen an Rechnern in sein Mosaik »Der Mensch bezwingt den Kosmos« (1969 – 1971) an den Außenseiten des ehemaligen Datenverarbeitungszentrums in Potsdam aufgenommen. Eine gleiche Situation zeigte 1972 der Dresdner Günter Tiedeken auf der VII. Kunstausstellung im Gemälde »Prozessrechner« (1972). In den Kunstausstellungen waren ebenso Entwicklungen der Formgestalter, der Künstler aus den Angewandten Künsten bzw. der Fotografen zu betrachten, die sich auf verschiedenen Ebenen mit der Digitalisierung in der DDR befassten.

Wegen des 1949 verhängten CoCom-Embargos der USA waren die sozialistischen Länder vom Import von Hochtechnologie ausgeschlossen und auf Eigenentwicklungen angewiesen. »Tatsächlich blickt die ostdeutsche Mikroelektronik und Computertechnologie auf eine frühe Entwicklung von Weltniveau zurück. Bereits in den 1950er Jahren entwickelte der Mathematik-Professor Nikolaus Joachim Lehmann die Idee eines individuellen Schreibtischrechners und baute an der TH/TU Dresden einen der weltweit ersten Transistor-Tischrechner; das war eine Pionierleistung in der Entwicklung des Personal Computers.« (Daniel Ebert) Sowohl Ende der 1950er Jahre wurde in der DDR die Entwicklung der Elektrotechnik als auch wieder ab 1976 die der Mikroelektronik intensiver betrieben. Die digitale Datenverarbeitung fand hauptsächlich in Rechenzentren statt, für den Privatgebrauch waren PCs kaum zu bekommen. Dresden war das Zentrum der DDR-Mikroelektronik mit zahlreichen weiteren Standorten des VEB Robotron in anderen Bezirken, darunter der VEB Robotron-Anlagenbau Leipzig. Robotron war der größte Computerhersteller in der DDR und einer der bedeutendsten Produzenten von Informationstechnologie im RGW. (Kombinat Robotron – Wikipedia de.wikipedia.org).

In Norbert Wagenbretts Gemälde sind diese technischen Anlagen sehr realistisch dargestellt. Die Schriftzeile auf dem Bildschirm »Robotron DSS 42« weist auf das Datensammelsystem mit Computer R4200 / R4201 hin (Angaben zur Technik folgen Jana Kaeding und Rüdiger Kurth) zu sehen. Solche Kleinrechner – er selbst ist nicht sichtbar – wurden seit Mitte der 1970er Jahre hergestellt und meist im Dreischichtsystem betrieben, wobei pro Schicht mehrere Leute als Besatzung notwendig waren. Bildschirm, Tastatur und Tisch gehörten zusammen und ergaben ein Terminal PBT4000, die Bedienkonsole des Kleinrechners. Bildschirmarbeit an diesen Rechnern gab es seit ca. 1980. Der Schrank im Hintergrund beinhaltete zwei Wechselplattenlaufwerke, die auswechselbare Datenträger mit einer Speicherkapazität von 3,7 MByte aufnahmen. Hersteller war eine bulgarische Firma, deren Namenszug in kyrillischen Buchstaben ISOT zu lesen ist. Das Austauschen der Wechselplatten war eine typische Arbeit der Rechenwerksarbeiter. Der rote »Ring« ist ein Halbzoll-Spulenmagnetband, ein damals gebräuchlicher, preiswerter Datenträger für Programme und Daten mit einer Kapazität von ungefähr 10 MByte zur Archivierung und zum Datenaustausch mit anderen Rechenzentren. Diese Magnetbänder wurden von Bedienern auf Magnetbandlaufwerke gefädelt, von denen es im Rechenzentrum meist vier gab. Solche Rechner übernahmen in den Betrieben z.B. Automatisierungsprozesse währen der Produktion oder Fertigungsprozesse. In zeitlicher Nähe zum Bild wurde 1986 – 1988 der 1. Megabit-Chip in der DDR entwickelt, ohne noch verspäteten Anschluss an die weltweite Digitalisierungsentwicklung finden zu können.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Norbert Wagenbrett, Versuch einer Begriffsbelebung – Ideal, Tätigkeit, Wirklichkeit, Mensch. In: Kunst im gesellschaftlichen Auftrag. Bezirk Halle 1989, S. 30/31.
Daniel Ebert, Der digitale Osten. Das Erbe der DDR-Computerpioniere.

In: Das Archiv 3/2015S. 34 -39, hier S. 35.
Freundliche Auskünfte von Frau Jana Kaeding, Robotron Datenbank-Software GmbH, vom 8.11.2019 bzw. Rüdiger Kurth, Rechenwerk Hale, vom 17.11.2019.