Bildnis des Leipziger Kaufmanns Johann Burghard Raabe

Der Leipziger Seidenkaufmann J.B. Raabe, 1735-40

Ismael Mengs (1688 – 1764)
»Bildnis des Leipziger Kaufmanns Johann Burghard Raabe
/// Effigy of JB Raabe, merchant in Leipzig«, um 1728,
Öl auf Leinwand /// Oil on canvas, 164,7 x 115 cm, MdbK Leipzig

Am 15. August 1720 erlangte »Johann Burghard Raab, Handelsmann von Wolffenbüttel« das Leipziger Bürgerrecht. Raabe (1686 – 1768) war verheiratet mit Katharina Elisabeth Bötticher, Tochter eines Leipziger Seidenhändlers.

Der Handelsmann Raabe machte sich »vorzüglich verdient um die Anlage der Seidenmanufakturen zu Leipzig und dadurch um ganz Sachsen« (C.G. Rößig), verfertigte »außer den glatten Zeugen vorzüglich auch Damaste und Grosdetours« und lieferte diese Waren bis nach Schlesien, Österreich oder Polen. Baute er dabei zunächst auf den Erfahrungen seines Schwiegervaters Johann Bötticher auf, dessen gemeinsam mit Andreas Dietrich Apel betriebene Seidenmanufaktur schon 1718 in Leipzig bestand, so galt sein Hauptanliegen vorrangig der Einführung neuer Fertigungsmethoden, vor allem der Verarbeitung des aus dem einheimischen Seidenbau gewonnenen Rohmaterials. Es war schon eine Art »Industriespionage«, dass er seinen Sohn Johann Christian nach Bologna schickte, um die neuesten Seidenzwirnmühlen (Filaturium) kennenzulernen, »um es abzusehen und es genau nach jenem einzurichten«.

Immerhin brachten diese eine 25- bis 50fach Produktivitätssteigerung gegenüber der Handarbeit. Zunächst wurde ein kleines Filatorium in der Leipziger Johannisgasse nachgebaut und betrieben, dann entstand in Maitschen (heute Mahizschen) bei Torgau ein großes Filatorium mit ca. 80 000 Spulen, das von nur 14 Personen bedient zu werden brauchte, vielfach von Kindern. Auf dem Rittergut von Mahitzschen wurden Maulbeerbäume kultiviert, um den Seidenspinner zu züchten. Da die dortige Mühle für die maschinelle Seidenherstellung genutzt wurde, kann diese Anlage wohl als eine der ersten Seiden-Produktionsstätten auf deutschem Boden angesehen werden.

Johann Burghard Raabe war damit einer der sächsischen Vorläufer der in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts sich bahnbrechenden Industriellen Revolution, die tiefgreifend die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und Lebensumstände veränderte. Das meisterhaft ausgeführte Porträtgemälde von Ismael Mengs überrascht vielleicht, da für die Darstellung des Kurfürstlichen Kammerrates und Leipziger Handelsmannes die für die Barockmalerei charakteristische Attitüde eines barocken Potentaten übernommen wurde. Ein Bürger greift mit herrschaftlicher Geste in die vor ihm liegenden Stoffballen, eine Musterkollektion seiner Seidenproduktion, die jedoch zum damaligen Zeitpunkt der Gemäldeentstehung noch nicht in dem später erst errichteten Filatorium hergestellt worden ist.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis: Susanne Heiland, Ismael Mengs: Bildnis des Leipziger Kaufmanns Raabe. In: Mitteilungen 2+3/1985. Museum der bildenden Künste Leipzig, S. 10-15.