Ausgepresster Prolet

Nolde Fritz, Ausgepresster Prolet, 1928-29

Fritz Nolde (1904 – 1980)
»Ausgepresster Prolet /// Squashed pleb«,
1928/29, Gips, getönt /// Plaster tinted, 64 x 17 x 18 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. P 690. Erworben 1936 durch Übergabe vom Hochbauamt der Stadt Leipzig
Fotografie: © PUNTCUM / Bertram Kober

Diese Plastik stellte Fritz Nolde erstmals in der Juryfreien Kunstausstellung von 1929 in Leipzig aus. Die Ausbreitung der industriellen Großproduktion, die Faszination des technischen Fortschrittes verknüpft mit den gravierenden Umwälzungen bis in den Alltag der Menschen aller Klassen hinein und das Erstarken der Arbeiterbewegung sind einige Grundvoraussetzungen für das nach 1870 verstärkte Interesse der Künstler an Arbeitsprozessen und am Leben der Arbeiter. Konzentrierte man sich zunächst auf eher dokumentierende, mitunter auch sentimental-moralisierende Wiedergaben der bedrückenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, stellte beispielsweise Constantin Meunier diesen Auffassungen bereits idealtypische Arbeitergestalten entgegen.

Im Hinblick auf die durchschnittlichen Arbeitszeiten der Arbeiter in Leipzig betrug sie Anfang der 1880er Jahre in Plagwitz / Lindenau 10 – 12 Stunden (zwischen 6 Uhr und 20 Uhr) mit einer Mittagspause von 1-2 Stunden, die sich mit der allmählichen Einrichtung von Speiseräumen und Essenangebot verringerte. Typisch waren jedoch lange Anfahrtszeiten, da hier im Gegensatz etwa zum Ruhrgebiet keine Fabrikarbeitersiedlungen in Werksnähe entstanden, sondern die Arbeiter aus Mietkostengründen in den Randgebieten und Vororten wohnten. 1898 wurde in einigen Betrieben die sogen. ‚englische Arbeitszeit* eingeführt: 7 – 12.30 Uhr und 13 – 17 Uhr.   

Zur sozialen Anklage stießen zahlreiche Künstler unterschiedlichster künstlerischer Tendenzen vor, darunter natürlich die Vertreter der proletarisch-revolutionären Kunst. Sie stellen in ihren Werken vor allem den von der Ausbeutung gezeichneten und mit ihren Familien in Armut lebenden Proletarier heraus. Nach den Jahren der Großen Inflation von 1914 bis 1923 und der relativen Stabilisierung in der Weimarer Republik (1918 – 1933) führte der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 erneut zu gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen. Es waren die beiden Jahrzehnte, die Fritz Nolde prägten und ihn dahingehend beeinflussten, auch seine künstlerische Tätigkeit konsequent mit parteipolitischer Betätigung bis hinein in den Widerstandskampf gegen den Faschismus zu verbinden. Sein Beitrag bestand vor allem in kurzfristig geschaffenen wirkungsvollen Karikaturen, Plakaten, Transparenten und anderem Agitationsmaterial für den unmittelbaren politischen Tageskampf. Wenige erhaltene Beispiele zeigen eine knappe, kraftvoll-expressive Formensprache verbunden mit einer gegenständlich-realistischen Auffassung, die die Auseinandersetzung mit Formerfahrungen des Dadaismus, Konstruktivismus oder Futurismus etc. vermied. Das inhaltliche Anliegen war die wichtigste Triebkraft zur Schaffung der Werke. Als Fotograf dokumentierte er die Geschehnisse und stellte seine Fotowerkstatt als Zentrale der Parteigruppe Leipzig-Lindenau zur Verfügung.  

Bei Fritz Nolde ist der ausgemergelte Körper des alten Arbeiters expressiv überhöht. Der spröde Gips entzieht sich einer sorgfältig modellierenden Bearbeitung und unterstützt damit ganz bewusst die inhaltliche Aussage. Die Zerbrechlichkeit der plastischen Form wird zum Sinnbild einer totalen körperlichen und seelischen Ausbeutung.  

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Thomas Adam: Arbeitermilieu und Arbeiterbewegung in Leipzig 1871 – 1933. (Reihe:  Demokratische Bewegungen in Mitteldeutschland, Bd. 8), Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 1999.

zu » Fritz Nolde (1904 – 1980)
»Das Leben eines Arbeiters /// A workers life«,
1934 (6 Blätter /// 6 Sheets), Pinsel in Tusche auf Papier
unterschiedliche Maße, größtes: /// Brush in ink on paper,
different dimensions, largest: 22,2 x 15,7 cm,  MdbK Leipzig