Arbeitspause

Foto: Michael Ehritt, 2016, Museum der bildenden Künste Leipzig Willi Sitte Arbeitspause G 2685

Willi Sitte (1921 – 2013)
»Arbeitspause /// Work break«,
1959, Öl auf Hartfaser /// Oil on hardboard,
199,5 x 121,8 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. G 2685. Erworben 1981 vom Künstler, Halle/Sa.,
aus Mitteln des Rates des Bezirkes Leipzig
Foto: Michael Ehritt, 2016

Im Rahmen der Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit in der DDR kann der »Bitterfelder Weg« als großangelegter kulturpolitisch-ideologischer Optimierungsversuch bewertet werden. Am 24./25. April 1959 fand im Kultursaal des VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld (später VEB Chemiekombinat Bitterfeld) die 1. Bitterfelder Konferenz statt. Hier wurde der Kulturpolitik programmatisch der Weg zur Herausbildung einer sozialistischen Nationalkultur gewiesen und gefordert, dass sie den wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen entgegenkommt. Der Kampf und das Leben der Arbeiterklasse stand in den 1960er Jahren als zentraler Bildgegenstand fest, die Künstler sollten sich jetzt verstärkt dem Arbeitsalltag der Werktätigen in ihren Werken widmen und leitbildhaft gestalten. Zugleich sollte die vorhandene Trennung von Kunst und Leben und die Entfremdung zwischen Künstlern und dem Volk überwunden und den Werktätigen ein umfassender Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden. Einige Künstler gingen in die Fabriken oder in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG), schlossen mit Betrieben oder Brigaden Patenschaften, leiteten Betriebszirkel in den unterschiedlichsten Sparten. So stand die Bewegung schreibender Arbeiter unter dem Motto »Greif zur Feder, Kumpel!. Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!«. 1959 fanden in Halle/Sa. die 1. Arbeiterfestspiele statt. Auch wenn es zum Aufschwung der Laienkunst kam oder aus den Malzirkeln Arbeiter wie der Stahlwerker Willi Neubert sich zu bildenden Künstlern entwickelten, dieses ideologielastige Konzept ging trotz einiger positiver Effekte nicht auf.

Umgeben von ausgedehnten Braunkohletagebauen und großen Chemiewerken mit ihrer traditionsreichen Arbeiterbewegung wandten sich Hallenser Künstler aktiv der Darstellung des Arbeiters, seines Arbeits- und Lebensaltages zu. Willi Sitte schuf bereits 1948 Skizzen von Berg- und Industriearbeitern sowie Arbeitssituationen, die er in Eisengießereien und Schächten des Mansfelder Bergbaureviers studierte. Später knüpfte er Kontakte zur Waggonfabrik Ammendorf, zur Karbidfabrik im VEB Chemische Werke Buna oder zum Leichtmetallwerk Nachterstedt bei Aschersleben. Willi Sitte versuchte ab 1959 intensiv, die kulturpolitisch gewünschte Idealgestalt des zeitgenössischen Arbeiters zu gestalten, aber »später kam dann mehr Realitätssinn hinzu. Das Idealbild wurde durchdrungen von Individualitäten, ich erkannte, daß es das Bild der Arbeiterklasse so nicht gab.« (Willi Sitte) Von dem Bild der »Arbeitspause« ausgehend, über das »Arbeitertriptychon« (1960, Willi-Sitte-Galerie Merseburg), die »Brigade Heinicke aus der Karbidfabrik des Buna-Werkes« (1963/64, Leipzig, Museum der bildenden Künste) sowie »Leuna 1969« (1967/69, Berlin, Nationalgalerie) und dem sehr bekannt gewordenen »Chemiearbeiter am Schaltpult« (1968, Halle, Kunstmuseum Moritzburg) bis zu »Im LMW (Leichtmetallwerk)« (1977, Sammlung Ludwig) oder »Nach der Schicht im Salzbergwerk« (1982, Sammlung Ludwig) entstanden Arbeitsdarstellungen und Brigadebilder, die kulturpolitisch und bei den Besuchern der Kunstausstellungen nicht unumstritten waren, aber immer wieder eigenwillige gestalterische und inhaltliche Akzente setzten, neue Wege erprobten und insgesamt mithalfen, der Kunst in der DDR ein sehr differenziertes, eigenständiges Gesicht zu geben.

Von der gewünschten idealisierenden Überhöhung der Arbeiterbilder ist dieses Gemälde durchaus mitbestimmt, denn propagiert wurde das Typenporträt, mit dem das Wesen der Arbeiterklasse zum Ausdruck gebracht werden sollte. Charakteristisch ist das Motiv des ‚Lesenden Arbeiters‘, welches damals zu den Grundbestandteilen eines Brigadebildes gehörte und den alle seine Fähigkeiten ausbildenden sozialistischen Menschen symbolisierte. Andererseits wirkt diese großgesehene, kraftvolle Gestalt im festgefügten Metallgerüst ruhig, konzentriert und auch lässig in sich ruhend. Sitte gestaltet den Typ des selbstbewussten, intelligenten Arbeiters. Sich mit der Kunst des Italienische Realismo, mit dem Schaffen von Renato Guttuso Pablo Picasso oder Fernand Léger beschäftigend, nutzte er eigenwillig Formensprachen der in der DDR damals als Formalismus diffamierten westlichen Moderne.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturhinweis:
Wolfgang Hütt, Willi Sitte. Gemälde 1950 – 1994, Bönen 1994, S. 59, Anm. 44.