Antiker Besuch im Industrieviertel

Schwimmer Max, Antiker Besuch im Industriegebiet, 1948-49

Max Schwimmer (1895 – 1960)
»Antiker Besuch im Industrieviertel
/// Antique visit at the industrial quarter«,
1948/49, Gouache, 60 x 75 cm, MdbK Leipzig
Inv.-Nr. NI 9678. Erworben 1949 aus der 2. Deutschen Kunstausstellung,
Dresden 1949 (bis 1989 Inv.-Nr. 1426 der Gemäldesammlung)

Der Maler und Graphiker Max Schwimmer ist wohl vor allem als einer der herausragenden deutschen Zeichner und Buchillustratoren zu Werken der Weltliteratur bekannt. Nach den durch die politischen Verhältnisse eingetretenen künstlerischen Beschränkungen ab 1933 bricht sich seit 1945 nicht nur eine rastlose bildnerische Produktion Bahn, sondern Max Schwimmer engagierte sich auch für einen demokratischen Neuanfang der Gesellschaft. Er setzte sich für die geistige Erneuerung auch der Künste ein und übernahm Lehraufträge. Selbst vom Expressionismus seiner künstlerischen Anfangsjahre herkommend, vertraut mit den Theorien und Tendenzen der Klassischen Moderne, wurde er einer der anregendsten Lehrer an den Kunsthochschulen. Bald wurde auch Schwimmer zum Zielobjekt heftiger Kritik und Anfeindungen während der bereits 1949 einsetzenden sogen. Formalismusdebatte, die gerade an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst mit dogmatischer Rigorosität geführt wurde und zum Weggang zahlreicher lehrender Künstler führte. In der vor dem Hintergrund des beginnenden ‘Kalten Krieges‘ geführten Auseinandersetzung um Formalismus oder Realismus in der sich entwickelnden Kunst der jüngst gegründeten DDR ging es um die Überwindung spätbürgerlicher kultureller Traditionen zugunsten einer lebens- und volksverbundenen, parteiischen Kunst, welche ideologisch-vorbildhaft das sozialistischen Menschenbild formulieren sollte.

Hans Kinkel schrieb 1948: »Unter den Leipziger Künstlern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zeitnahe, aus den neuen Daseinsumständen erwachsene Inhalte zu realisieren, ist Max Schwimmer die stärkste und eigenwilligste Potenz.« Im Bedürfnis, seine angestauten Bildvorstellungen nun rasch umzusetzen, griff Max Schwimmer damals auf die Gouachemalerei zurück, die ihm ein schnelles Arbeiten ermöglichte. Unter den rasch entstehenden Arbeiten tauchen neben Porträts oder Landschaften auch Hafenszenen und Arbeits- bzw. Industriemotive auf, z.B. Industrielandschaft« (1947) oder »Arbeiter am Mast«(um 1950). Es sind Blätter, die erzählerische oder dekorative Details einer flächenbetonten Farbigkeit unterordnen und deren gesteigerte Ausdruckskraft vom zügigen Malgestus und einer einprägsam verknappten Formensprache bestimmt sind.

Von diesem neuen künstlerischen Gestaltungswillen ist das großformatige Blatt »Antiker Besuch im Industrieviertel« geprägt. Elemente von Industrie- und Hafenszenen verschmelzen hier zu einer locker hingeschriebenen Architekturkulisse, der sich auf einem durch wenige Striche angedeuteten Boot stehend zwei weiße Gestalten nähern. Nichts kennzeichnet ihre Herkunft oder wer sie sind. Sie sind miteinander im Kontakt, während der Betrachter über diese aus der Malerei der Romantik bekannten Rückenfiguren in die dahinter liegende Szenerie hineingelenkt wird. Auch wenn sie nicht den klassischen antiken Statuen nachgebildet sind, der Titel weist sie als aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineintretende antike Besucher aus. Realität und Phantasie verbinden sich. Übertragen darf man in ihnen sicherlich die Personifizierung des antiken humanistischen Ideals des körperlich wie geistig gebildeten Menschen sehen. Ein Bekenntnis, das Schwimmer im Leben wie künstlerisch wohl mit Vielen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Willen nach einem demokratischen Wiederaufbau und Neuorientierung der Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Kultur vereinte. Das Blatt steht ebenso für Max Schwimmers Bestreben, in seiner Kunst Tradition und Moderne zu verbinden und schöpferisch weiterzuentwickeln. In einem solchen Sinne passte es gut zu der in der 2. Deutschen Kunstausstellung in Dresden gezeigten Werkauswahl, die letztmalig bestrebt war, die aktuelle deutsche Kunst aller Besatzungsgebiete zu zeigen und gerade auch die im Faschismus als »entartet« gebrandmarkten Künstler zu rehabilitieren.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Hans Kinkel, Leipziger Künstler. In Bildende Kunst 2. Jg. 1948, Heft 10, S. 36/37, hier S. 36