An Inverted System to Feel

Marie-Eve Levasseur (geb. 1985)
»An Inverted System to Feel (your shared agenda)«, 2016,
Video: 7 min, Besitz der Künstlerin /// The artists property, Leipzig

Marie-Eve Levasseurs künstlerische Arbeit kreist um Forschungsthemen des sogenannten Posthumanismus. Diese erst in jüngster Zeit entstandene philosophische Strömung fokussiert auf die zukünftige Verschmelzung von Mensch und Technik, sowie menschlicher und künstlicher Intelligenz. Vor allem die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der posthumanistischen Philosophin Rosi Braidotti aber auch Science-Fiction-Literatur, insbesondere Donna Haraways »Cyborg Manifesto« und persönliche Erfahrungen prägen Levasseurs Intention, sich den Bereichen potenzieller Emanzipation, Speicherverfahren, Intimität, Taktilität und Prothesen künstlerisch zu nähern. Dabei bevorzugt sie im Gegensatz zu Performanceaktionen posthumanistischer Künstler wie Stelarc vor allem raumbezogene Medieninstallationen aus Videos, verschiedenartigen Objekten, Fotografien und 3D Animationen.

In der 3D Animation »An Inverted System to Feel (your shared agenda)«, die ursprünglich aus einer komplexen Rauminstallation mit Objekten und fünf verschiedenen Bildschirmen eines klinischen Sci-fi-Tätowierstudios der Zukunft bestand, wird in komprimierter Form der hiesigen Ausstellung jetzt auf einem Bildschirm eine direkte Verschmelzung von Körper und Technik verhandelt. Da Bildschirme durch die Entwicklung von Smartphones dem Körper immer näher kommen, ja diese durch App-, Speicher- und Zoomfunktionen den Körper erweitern und optimieren können, ist es für Levasseur nur folgerichtig, einen Bildschirm direkt in der Haut zu implementieren.

In ihrem spekulativen Zukunftsszenario entwirft sie die Idee, leuchtfähige Nano-Partikel unter die Haut zu tätowieren, um Daten auf der Körperoberfläche darzustellen oder einfach je nach emotionalem Zustand die Farbe der Haut zu wechseln. Mit der Selbstbestimmung gespeicherter Daten und der Wahlfreiheit gefärbter Haut spielt die Künstlerin sowohl auf merkantile Strukturen des Advanced Capitalism als auch auf rassistische Denkweisen an. »Der weiße, heterosexuelle europäische Mann als Referenz für den Menschen schlechthin« gelte es zu überwinden, um »auch Menschen, die ein Bein oder Arm weniger haben, People of Colour, sexualized, naturalized oder technological others« zu berücksichtigen. Mit dieser Vision stellt Levasseur ein Postulat einer affirmativen, positiven Zukunft auf. Die Verwandlung zum Cyborg wird somit als Chance begriffen, natürliche, gesellschaftliche und politische Grenzen zu überwinden.

Der Unterschied zu bereits heute praktizierten Chipsystemen unter der Haut besteht vor allem darin, dass die zukünftigen Nutzer des Sci-fi-Tätowierstudios sich die Modifikation der eigenen Haut durch Nanopartikel ästhetisch aneignen. Diese Aneignung geht über das reine Betrachten und Bedienen hinaus und schließt das Wissen um die Funktionsweise der Nano-Bots mit ein. Denn nur durch das Erlernen der notwendigen Programmiersprache können neue selbstbestimme Möglichkeiten digitaler Erweiterungen realisiert und ebenso vor Missbrauch geschützt werden. Diese Idee schließt bei Levasseur die allgemeine Zugänglichkeit und Wahlfreiheit ein, sich solcherart Erweiterung und Optimierung zu unterziehen oder nicht.

»An Inverted System to Feel (your shared agenda)« bekommt mit solcherart Visionen einen unverkennbar politischen Charakter. Die Arbeit provoziert Fragen, denen wir uns in Zukunft nicht verschließen können.

Literaturnachweis:
Du point de vue d’un.e cyborg. Ein Interview mit der Künstlerin Marie-Eve Levasseur von Marcel Raabe, Leipzig: Trottoir Noir, 2018