Alptraum eines Genetikers

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Günter Horlbeck (1927 – 2016)
»Alptraum eines Genetikers /// Geneticists nightmare«,
1977, Öl auf Hartfaser /// Oil on canvas, 80 x 60 cm, MdbK Leipzig
Erworben 2002 Günter Horlbeck-Stiftung, Inv.-Nr. 3167

Dieses Gemälde, das auf einer Faserstiftzeichnung von 1975 aufbaut und zu dem es einen verworfenen Radierversuch in zwei Probedrucken von 1977 gibt, hinterlässt einen beklemmenden Eindruck und bleibt weithin rätselhaft. Ein bunter Wirbel undefinierbarer Fetzen oder Farbflächen überschneiden sich ohne dadurch eine irgendwie greifbare Raumwirkung zu erzielen, füllt gleichmäßig die Bildfläche, die als dunkler Fonds ausgebildet ist. Man ist stets unsicher, ob sich bei einzelnen Partikeln eventuell animalische oder anthropomorphe Gestaltbildungen einstellen. Keinerlei klare Kompositionslinien oder Farbgestaltung lenken den Blick hin zu fassbarem Bedeutungsvollem. Die leicht aus der Bildmitte verschobene, durchaus plastisch formulierte weibliche Gestalt bietet Raum für Gedankenspiele: Eine Figur antik-christlichen Ursprungs? »In der Gestalt des gestutzten Engels hat man der Vergangenheit Gewalt angetan und damit der Zukunft die Deformation eingeschrieben.« (H.-W. Schmidt)

Die Zeichnung ist eindeutiger: Inmitten einer zerstörten Naturszenerie erhebt sich die Frauengestalt, welche als die Göttin der Weisheit, Athena, gedeutet werden kann. Solches Einbinden christlicher oder antiker Mythen ist in der DDR-Kunst häufig zu finden, beispielsweise auch bei Uwe Pfeifer, der in seinen Arbeiten mehrfach den Naturgott Pan zum verhöhnten oder getöteten Opfer der zivilisierten Menschheit werden lässt. Das spricht die Verletzungen des humanistischen Menschenbildes seit der Antike bis hin zum faschistischen Rassenwahn und Euthanasie oder auch heutiger Ausgrenzungen von Menschen anderer Hautfarbe, anderer Sexualität oder anderen Geschlechts, Umweltzerstörung, Artensterben etc. Ist das fratzenhafte Maskenwesen links unten Auslöser dieses Geschehens oder der Genetiker, dem dieser von ihm mit ausgelöste ‚atomisierte Urzustand‘ zum Alptraum wird, weil er völlig indeterminiert ist?

Die Entstehung des Bildes fällt in eine Zeit, in der der Maler Möglichkeiten »größerer Formkonsequenz und (von) Mehrschichtigkeit getragener Bildsprache« (Günter Horlbeck) auslotet. »Sie alle sind Entwürfe von Gegenwelten zur herrschenden Realität einer gespaltenen Welt.« (Rainer Behrends) Archetypen, Metamorphose, Anverwandlung sind Begriffe, die Günter Horlbeck wiederholt verwendet und vielen seiner Werke unterlegt – »Neue Bildungen der Natur vorgeschlagen« ist der Titel einer Mappe von 12 Radierungen nach Christian Morgenstern (1978).

Günter Horlbecks Gemälde berührt aus dem zeitlichen Abstand die vielgestaltige Diskussion um den zukünftigen ‚genetisch optimierten Menschen‘, um die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten, Vorteile und Gefahren sowie ethischen Grenzen der Genetik oder Biotechnologie.

Seit 2004 gibt es mit dem Avantgarde-Künstler und Cyborg-Aktivisten Neil Harbisson (geb. 1984) den ersten offiziell anerkannten Cyborg, der eine implantierte Antenne im Schädel trägt, die er gemeinsam mit Adam Montandon entwickelte. Seine 2010 gegründete Cyborg-Fondation hat sich als Hauptziele gesetzt, die Sinne und die persönlichen Kapazitäten des Körpers zu erweitern und verbessern, den Einsatz der Kybernetik an kulturellen Veranstaltungen zu fördern und für die Rechte der Cyborgs zu sorgen (https://de.wikipedia.org/wiki/Neil_Harbisson).

Alte traditionellen wie weiterentwickelten Theorien und philosophischen Denkrichtungen wie z.B. Eugenik, Transhumanismus oder Human Enhancement befassen sich mit den Möglichkeiten, die Grenzen menschlicher intellektueller, physischer und psychischer Möglichkeiten zu erweitern, letztlich damit der Verbesserung und Optimierung des Menschen zu dienen. Der wohl ganz natürliche Wille des Menschen zur Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit, zeigt heute im Drang nach ständiger Selbstoptimierung, beispielsweise mit der Quantified-Self-Bewegung (Aufzeichnung und Auswertung umwelt- und personenbezogener Daten), gerade in wohlstandsgesättigten westeuropäischen Ländern bereits ernsthafte gesundheitliche Folgen.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Hans-Werner Schmidt: Eine späte Begegnung. In: Günter Horlbeck-Stiftung. Gemälde. Aquarelle. Zeichnungen. »Vom Signal zur strukturellen Entladung«, Leipzig 2003, S. 9-24, hier S. 16.


Rainer Behrends: Selbsterzeugte Vision – Der Maler Günter Horlbeck. In: Der Maler Günter Horlbeck. Mit einem Werkverzeichnis der Malerei 1961 – 1999. Leipzig1999, S. 57-82, hier S. 76.