Abstich

Abstich 1923 von Helmuth Macke

»Abstich«, 1923 von Helmuth Macke (1891 – 1936)
Öl auf Leinwand; 100,2 x 80,3 cm
Leipzig, Museum der bildenden Künste
Inv.-Nr. 2891. Erworben 1987 von Karl-Heinz Sonntag, Leipzig

Helmuth Macke gehörte zu jener jüngsten Generation bildender Künstler, deren gegen die traditionalistische Kunstauffassung des Wilhelminischen Kaiserreiches gerichtete Suche und Streben nach neuen Ausdrucksformen erste Erfolge bei der Entwicklung eines eigenen, in seinem Falle, ‚expressiven‘ Stils durch den Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen wurde. Um 1909/10 hatte er Kontakt zu führenden deutschen Künstlervereinigungen wie dem »Blauen Reiter« oder der »Brücke« gefunden. Freundschaft verband ihn u.a. mit seinem Cousin August Macke und Franz Marc, zwei der heute als Hauptvertreter der Klassischen Moderne gefeierte Meister, die beide in den Schlachten des Weltkrieges fielen. Helmuth Macke selbst gilt als wichtiger Vertreter des »Rheinischen Expressionismus«. Ab 1933 wurden 57 seiner Werke als »entartet« aus öffentlichen Sammlungen entfernt, ein Großteil seines Gesamtwerkes wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erst in den 1950er Jahren wurde seiner künstlerischen Leistung die gebührende Beachtung zuteil.

Im Mittelpunkt seines Schaffens standen Landschafts- und Veduten-Darstellungen, Stillleben, Porträts und Figurenbilder, in denen er trotz phasenweiser variierender Farb- und Formsteigerungen an einer gegenstandsbezogenen, motivgerechten Darstellungsweise festhielt und nie den Schritt zur reinen Abstraktion unternahm. Auch war ihm ein veristischer Blick auf die Welt und die Dinge ebenso fremd, wie eine sozialkritische Sichtweise, wie sie andere Vertreter der avantgardistischen Kunst unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Krisen der 1920er Jahre einnahmen.

Bereits 1912 hatte Helmuth Macke in einem Eisenwerk in Paderborn Skizzen von Industriearbeitern angefertigt. Eine Reise nach Leipzig im Jahre 1923 nutzte er erneut für Studien von Arbeitsszenen in einem hiesigen Werk (z.B. »Eisenwerk Leipzig«, 1923, Krefeld, Kaiser-Wilhelm-Museum). Sie bilden wohl die Grundlage zu dem ausgestellten Bild »Abstich«, eine Szene hochkonzentrierter Arbeit an einer Gießpfanne im Moment des Gießens des flüssigen Eisens in eine Gußform. Darstellungen industrieller Produktionsprozesse sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein eigenständiges Genre. Es fand in Adolph von Menzels »Eisenwalzwerk« von 1875 einen besonderen Höhepunkt, an den ein zu den Vorarbeiten gehöriges Blatt Menzels in dieser Ausstellung erinnert. Von vergleichbaren Darstellungen führender Künstler dieser Zeit sei stellvertretend das Gemälde »Eisengießerei« (1918) von Robert Sterl erwähnt, der sich 1918/19 mehrfach mit diesem Thema beschäftigte. 1924 erhielt Macke den Auftrag für ein großformatiges Wandgemälde »Der Bau« (1924/25; 1937 vernichtet) für den Treppenaufgang vor dem Hochbauamt im Alten Düsseldorfer Rathaus, für das es einen Karton aus dem Jahre 1923 gab. Ein weiteres Gemälde »Eisenwerk« schuf er 1929 (Krefeld, Kaiser-Wilhelm-Museum).

Hatte Helmuth Macke nach dem Kriegsende zunächst versucht, an sein Schaffen vor 1914 anzuknüpfen, so kündigte sich in den Werken bis 1925/26 ein Stilwandel an, der dann das Spätwerk prägte. Das Leipziger Bild vermittelt davon wohl einen ersten Eindruck: Expressive Gestaltungselemente kommen in zunehmend beruhigter Formensprache und gedämpfter Farbigkeit zum Einsatz. Als »Maler der ‚reinen Anschauung‘ bleibt er »einer gegenständlich, ‚naturalistischen‘ Bildwelt« (Aust.-Kat. 1984) verbunden.

Auch wenn vielleicht nicht geklärt werden kann, in welcher Leipziger Gießerei Macke seine Studien betrieb, Leipzig war um 1900 ein bedeutender Maschinenbau- und Gießerei-Standort. 1843 gründeten hier Carl und Gustav Harkort (vgl. Büste von Lehnert in dieser Ausstellung) in Nähe des damaligen Dresdner Bahnhofes (heute Hauptbahnhof) die erste Eisengießerei und etablierten damit eine zukunftsträchtige Technologie in Leipzig. 1854 folgte am Bayerischen Bahnhof die Gießerei und Maschinenfabrik von Gustav Goetz und Christoph Nestmann. 1863 gab es in Leipzig und in den angrenzenden Dörfern bereits ca. 50 Eisengießereien und Maschinenbaufabriken, meist Kleinbetriebe, die in ihrer Gesamtheit von Bedeutung für den boomenden Industriestandort Leipzig waren. Durch die Aktivitäten des Industriepioniers Karl Heine konzentrierte sich in den Stadtteilen Plagwitz-Lindenau zunehmend das Gießereiwesen in enger Verbindung und Zusammenarbeit mit anderweitigen Industrieunternehmen, so dass 1875 von insgesamt 17 Eisengießereien In Leipzig und angrenzenden Dörfern allein fünf hier ansässig waren. Eine der bedeutendsten waren darunter bald die 1874 vom sehr erfahrene Former Ernst Meier und dem versierten Kaufmann Carl Weichelt gegründeten Eisen- und Stahlwerke; 1948 in Volkseigentum überführt, wurden sie 1966 Teil des GISAG-Kombinats. Diese mittelständige Firma nutzte 1880 die beginnende Technologie des Tempergusses und war um 1904/05 die modernste und effektivste Tempergießerei Deutschlands. Technologisch und betriebswirtschaftlich immer fortschrittlich orientiert, führten Meier & Weichelt 1904 den 1. Siemens-Martin-Ofen für die Herstellung von Stahlguss in Leipzig ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Leipziger Gießereien leistungsstark und im Aufschwung begriffen.

Text: Dr. Dietulf Sander

Literaturnachweis:
Ausst.-Kat. Helmuth Macke. Gemälde Aquarelle Zeichnungen, Westfälisches Museumsamt Münster / Städtisches Kunstmuseum Bonn 1984, S. 33 bzw. 31.

150 Jahre Leipziger Gießerei-Geschichte. Eine Hommage an die Region Leipzig und ihre industriellen Wurzeln, hrsg. vom Verein Deutscher Gießereifachleute (VDG) e.V., Landesgruppe Sachsen / Thüringen unter Mitwirkung der Stadt Leipzig, Edition Leipzig 1999