Above

Rainer Jacob, »Above«, 2016

Rainer Jacob (geb. 1970)
»Above«, 2016
Fotografie auf Alu-Dibond /// Photography on Alu-Dibond,
75 x 125 cm, Besitz des Künstlers /// The artists property, Leipzig

Die genaue Datierung der Fotografie »ABOVE« von Rainer Jacob ist interessant. Wo allerorts letzte Vorbereitungen für Heiligabend, dem meist üppigsten Fest innerhalb der Familie getroffen werden, liegt hier ein obdachloser Mensch neben dem Lüftungsschacht der Pariser Metro am Eingang zum Louvre. Schlafsack, Decke, Tüten und eine rote Präsentschachtel säumen den offensichtlich Schlafenden.

Unweit entfernt steht ein Radiator aus Eis, dessen Form aus den Anfängen der Industrialisierung stammt, so wie die gusseisernen Sockel der Pariser Metrostation. Am rechten Sockel des Bildes erkennt man einen Aufkleber mit dem titelgebenden Wort »ABOVE«. Der Begriff »oben« gewinnt angesichts der fotografierten Situation einen bitteren Beigeschmack. »Je mehr die Optimierung des modernen Menschen voranschreitet, vergrößert sich der Abstand zu denen, die auf der Strecke bleiben«, konstatierte hierzu Rainer Jacob. Oben bleibt nur derjenige, der mit den rasanten Entwicklungen und Veränderungen Schritt hält, sich anpasst und vom ständigen Erfolg gekrönt über sich selbst hinauszuwachsen scheint. Selbstoptimierung, wie sie viele Ratgeber predigen, liege ganz in der Hand jedes Einzelnen. Selbst Schuld also, wer auf der Strecke bleibt. Längst ist die Selbstoptimierung zu einem boomenden Industriezweig mutiert, ganz ähnlich wie das Geschäft der Geschenkeindustrie zu Weihnachten. Doch Empathie und Menschlichkeit drohen verloren zu gehen.

Seit 2013 installiert Rainer Jacob Objekte aus Eis anonym im öffentlichen Raum, darunter Koffer, Urinale in Anlehnung an Marcel Duchamp und immer wieder Radiatoren. Neben Paris, waren die Eisheizköper verschiedener Ausfertigung und Länge schon in Oslo, Moskau, Berlin und selbst in Leipzig zu sehen. Hier stellte er einen seiner ersten Radiatoren unerkannt vor Halle 8 des Spinnereigeländes unter dem Schild »Vorsicht! Vor Dachlawinen und Eiszapfen!«. Schon damals irritierte die täuschende Ähnlichkeit mit einem echten Radiator, denn erst bei genauerem Hinschauen ist das gefrorene Wasser zu erkennen. Die Paradoxie vom Heizkörper im Außenbereich sowie dem eigentlich wärmespendenden Objekt und kaltem Material erregen immer wieder Aufmerksamkeit. Selfies mit Eisradiator folgen. Ähnliche Szenarien vor dem Neuen Rathaus, welche gleich für Schlagzeilen sorgten. Verblüffend ist vor allem die Detailgenauigkeit der Objekte, die erst durch die Abformung aller Einzelteile möglich wird. Die in Einzelteilen gefrorenen Rippen und Stangen werden in der Tiefkühltruhe oder erst vor Ort zusammengebaut. Mit 50 Heizungsrippen hat Rainer Jacob zur Buchmesse 2014 seinen bislang längsten Radiator am Eingang zum Citytunnel am Leuschner Platz realisiert. Dessen architektonische Einbindung in die Rasterstruktur der Glassteinfassade fiel allerdings den wenigsten Personen auf. Ganz anders hingegen die Aufstellung gleich mehrerer Radiatoren rund um den Louvre. Vom bewaffneten Sicherheitspersonal stark bewacht, gelang es Jacob erst nach langen Diskussionen, seine temporäre Kunst um den Tempel der Kunstwelt zu installieren. So konnte zumindest für kurze Zeit auch in Paris gerätselt werden, ob die Radiatoren den Klimawandel, die Formel panta rhei Heraklits und/oder die zunehmende gesellschaftliche Kälte thematisieren. Letzteres erscheint im Bild »ABOVE« offensichtlich. Lediglich die rote Präsentschachtel vermag ein wenig Hoffnung schenken.

Text: Dr. Barbara Röhner

Rainer Jacob (geb. 1970)
»QR-Code«, Temporäre Plastik zur Vernissage
/// Temporary plastic during opening, Eis auf Styropor /// Ice on polystyrene,
85 x 85 cm, Außenbereich des Museums /// Exterior of the museum,
© http://www.bildhauer-rainer-jacob.de/wand.html